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Fahrradtour von Neubrandenburg nach Altentreptow

Von
am
24. Juli 2020

“Jeder Weg zum rechten Zwecke
Ist auch recht in jeder Strecke.”

– Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), deutscher Dichter und Naturforscher

Ende April 2019 hat es mich nach Neubrandenburg verschlagen, da mir empfohlen wurde, an der dort stattfindenden Jahrestagung der Gesellschaft für Geschiebekunde teilzunehmen. Gesagt, getan.

Doch nicht nur für die Tagung allein hat es mich nach Neubrandenburg verschlagen. Ich kannte weder die Stadt, noch deren Umgebung. Daher habe ich mich vorab um Wander- und Radtouren informiert und letztendlich mein Rad nach Neubrandenburg mitgenommen, da die Gegend besonders für Radtouren sehr vielversprechend aussah.

So verlief einer meiner Radtouren von der Stadt Neubrandenburg nach Altentreptow. Warum ausgerechnet dorthin? Nun, weil dort etwas besonderes liegt…

Startpunkt: Neubrandenburg

Neubrandenburg ist die drittgrößte Stadt in Mecklenburg-Vorpommern. Bekannt ist sie durch ihre mitteralterlichen gut erhaltenen Stadttore. Daher wird sie auch als “Vier-Tore-Stadt” bezeichnet. Seit 2019 ist es sogar ihr offzieller Namenszusatz.

Die Stadt Neubrandenburg liegt direkt an der Nordostspitze des Tollensesees. Dieser See ist in der letzten Eiszeit entstanden. Bisher wurde dieser als Zungenbeckensee interpretiert, doch es gibt neue Hinweise, die dieser See durch ein Tunneltal entstanden ist.

Ein Tunneltal entsteht durch abfließende Gletscher-Schmelzwässer, die sich ihren Weg unter dem Eis durch einen Tunnel bahnten; dabei entstand das lange schmale und tiefe Tal, worin der Tollensesee heutzutage liegt.

Doch das ist nicht der einzige eiszeitliche Überbleibsel. Überall kann man in Neubrandenburg und Umgebung Hinweise der letzten Eiszeiten finden.

Eine Orientierung für Neugierige und Entdecker auf dem Rad bietet die “Eiszeitroute”; ein Fahrradweg, der aus einem 400 km langen Ringstrecke besteht, die wiederum in 9 Einzelrouten und 5 kürzeren Rundrouten aufgeteilt ist. Wer also gerne Fahrrad fährt und dabei noch etwas über die Eiszeiten erfahren möchte, sollte eine Strecke der Eiszeitroute (er)fahren.

Es geht los…

Mein Startpunkt ist am “Treptower Tor” – das Stadttor, das mit seiner 31,8 m Höhe das höchste der vier Stadttore ist.

An der hier am Tor anliegene Stadtmauer kann man verschiedene Findlinge erkennen; ein Schild der Eiszeitroute weist ebenfalls darauf hin. Doch die Findlinge wurden nicht nur für die Stadtmauer verwendet, sondern auch für den Straßenbau. Wenn man sich genau umschaut, kann man eiszeitliches Geschiebe überall in Neubrandenburg zu entdecken.

Doch genug des Umschauens. Die Fahrradtour geht jetzt los. Es wurde zwar Regen für den Nachmittag angekündit, doch ich bin guter Dinge, das ich Altentreptow noch vor dem Regen erreiche werde.

So lasse ich das Treptower Tor hinter mir und fahre die “Jahnstraße” entlang in Richtung Nordwesten. Es ist eine ziemlich lange Straße, die mich durch ein Gartenviertel der Stadt Neubrandenburg führt.

Kurz nachdem ich ein Bahngleis überfahre, komme ich an eine Gabelung und mache hier kurz eine Rast. Mehrere Wanderschilder verweisen auf verschiedene Wanderrouten hin. Ich folge dem Symbol “Blauer Balken auf weißen Grund” – die Radwanderroute nach Woggersin.

Ich nehme den linken Weg der Gabelung und befinde mich nun auf dem “Kuhdamm”. Diese ebenfalls sehr lange Straße folge ich bis diese den “Klöterpottsweg” kreuzt. Hier fallen mir zum ersten Mal Schilder mit einem grünen Stiefel auf.

Diese Schilder verweisen auf die “Grünen Runde”, ein 40 km langer Wanderweg, der alle Erholungsbereiche von Neubrandenburg verknüpft. Wichtig: es wird darauf hingewiesen, dass diese Wanderroute ist nur zu Fuß und nicht mit dem Fahrrad befahrbar ist! (Wobei ich hier mit dem Fahrrad entlang gefahren bin – komisch!)

Ich fahre ein Stück den “Klöterpottsweg” entlang und biege dann in den “Langefurtsweg” ab. Nicht die offizielle Fahrradroute nach Woggersin, aber ich sag nur eins: Geocaching. Hier auf der Route liegen ein paar Dosen; warum sollte ich sie nicht mitnehmen?!

Die Natur an der Datze

Der Weg verändert sich zu einem Schotterweg. Ich lassen die letzten Häuser hinter mir. Vor mir erstreckt sich nun die typisch eiszeitlich geprägte Landschaft. Auffällig ist natürlich wie flach hier alles ist, dazu noch die wenigen Einzelbäume.

Ich fahre über eine Brücke, die über die “Datze” gebaut wurde. Die Datze ist ein 30 km langer Fluss in Mecklenburg-Vorpommern, der in zwei Fließrichtungen und Mündungen endet. Einige Flußabschnitte sind bei Anglern sehr beliebt, da hier Fische wie Barsche (Familie Percidae), Brassen (Familie Leuciscidae), der Hecht (Esox lucius) und Rotauge (Rutilus rutilus) vorkommen.

Eine weitere Brücke überfahre ich und fahre nun durch eine Baumallee hindurch. Nanu, ist das Schnee, was da auf dem Boden liegt? Nein, es ist sogenannter Pappel-Schnee und damit verrät der Namen auch den Verursacher: die Silber-Pappel (Populus alba).

Unter “Pappelschnee” versteht man das massenhafte Auftreten von Luft verwirbelten und auf den Boden gefallen Samen- und Fruchtwandfasern der Pappelfrüchte. Dieses Phänomen ist vorwiegend im Mai, wenn die Pappeln blühen, zu beobachten. Ein Allergiker hat diesen Schnee nicht zu fürchten, denn sie bestehen nur feinen, reinen Zellulosefasern und nicht aus Proteinen, die eine Allergie auslösen könnte.

Das Tollensetal zwischen Altentreptow und Neubrandenburg

Neben diesen natürlichen Phänomen, lasse ich noch einmal die Landschaft hier auf mich wirken. Eine Landschaftserscheinung, die man ebenfalls oft in Mecklenburg-Vorpommern findet, sind Sölle. Der Söll, den ich hier vom Weg aus erblicke, hat ein Durchmesser von mindestens 10 – 15 Metern!

Sölle entstanden aus zurückgebliebenen Gletschereis (sogenanntes “Toteis”), das eine Vertiefung bildete und anschließend von Geröll und Sedimente zugeschüttet wurde. Darauf sammelte sich dann Regenwasser und es bildete sich ein Gewässer.

Bevor ich die erste Ortschaft erreiche, überquere ich die Tollense zu ersten Mal. Hier verläuft die “Eiszeitroute” und eine Tafe erklärt, wie es zur Entstehung des Tollensetals kam.

Der Fluss Tollense hatte seinen Anfang während der Elster-Kaltzeit (vor mehr als 300 000 Jahren). Hier schuf einst das abfließende Schmelzwasser der Gletscher eine tiefe Rinne, die man als Ur-Tollense bezeichnet kann. Die heutige Form erhielt das Tollensetal vor etwa 15 000 Jahren während der letzten Eiszeit (Weichsel-Eiszeit).

Ich blicke kurz ins Tal. Die Tollense schlägelt sich durch die weite Ebene. Ein schöner Anblick.

Für mich geht es aber nun bergauf. Auch etwas typisches im Mecklenburg-Vorpommer. Gletscher mögen die Landschaft glatt, aber nicht flach “gebügelt” haben. So sind auch hier paar Anhöhen erhalten geblieben – und einer dieser Anhöhen muß ich nun mit dem Rad hinauf. Ich schiebe mein Rad, denn bei dieser Hangneigung schaffe ich es nicht mit dem Rad hinaufzufahren. Uff!

Allerdings bevor ich meinen Weg fortsetze, fällt mir eine Muschel ins Auge, die jemand wohl hier liegengelassen hat. Eine Muschel am Land? Nichts neues für mich – denn dieses “Phänomen” habe ich oft an meinem Wohnort beobachten können und kenne daher die Verursacher.

Es sind Vögel, die die Muschel als Nahrung aus dem Wasser holen. Da sie nur an das Muschelfleisch interessiert sind, lassen sie die Schale liegen.

Süsswassser-Muscheln gehören zu den Tieren, die man eher selten in Flüsen oder Bächen findet. Anhand der Schale lässt sich das Tier gut bestimmen. Es ist eine Bachmuschel (Unio crassus) – eine Muschelart, die in einigen Regionen von Mecklenburg-Vorpommern noch heimisch ist.

Bei der hier gefundenen Schale kann man schön das helle Perlmutt erkennen. Von außen sieht die Schale eher unauffällig auf. Das ist aber auch Absicht, denn es dient der Tarnung, wenn das Tier auf dem Boden des Baches oder Flusses liegt.

Lebbin und die Natur

Mit dem Rad geht es direkt durch die Ortschaft Woggersin, direkt am Fahrradweg L27 entlang zur nächsten Ortschaft Lebbin. Hier durchfahre ich eine unsichtbare Grenze, denn Lebbin liegt direkt an der historischen Grenze, die Mecklenburg von Vorpommern trennt. Der Name des Ortes leitet sich wahrscheinlich vom altslawischen Wort “lêpŭ” für “schön” ab.

Hier scheint man große Fans von Bienen und Insekten zu sein. Denn gleich zwei Tafel informieren über diese Tiere. Und auch das Informationsschild wurde auch dementsprechend mit einer überlebensgrosse Figur auf dem Dach passend dekoriert.

Groß Teetzleben

Es geht weiter auf der Dorfstraße durch die Gemeinde “Groß Teetzleben”. Am Nordausgang der Gemeinde komme ich am Mühlenteich vorbei. Hier wurde eine Beobachtungsstation für Biber, Fischotter und Eisvogel im Rahmen einer Renaturierung des Teiches eingerichtet. Ein Informationstafel erzählt dazu etwas über die Historie des Areals, wo jetzt die Beobachtungsstations liegt.

Gerne würde ich hier eine kleine Pause machen. Eine überdachte Sitzgelegenheit lädt dazu ein, doch über meinem Kopf beginnt es zu Donnern. Ist das der Regen, der für heute spät am Nachmittag angekündigt wurde?! Ich fahre dann doch lieber weiter, denn ich es noch trocken bis nach Altentreptow schaffen. Es sind noch etwa 6 Kilometer, die vor mir liegen.

Der Findling von Altentreptow

Es geht neben der L27 weiter auf dem parallel dazu liegenden Fahrradweg weiter. Ich erreiche  da ich nichts besonderes Sehen kann mein Ziel recht zügig. Ich bin jetzt insgesamt knap 19 km gefahren. Doch es kommen noch ein paar Meter zum Abschluss hinzu, denn mit der Ankunft in der Stadt ist meine Tour dennoch noch nicht vorbei. Ich habe ja ein Ziel.

Dieses Ziel liegt am Klosterberg an der “Kastanienallee”. Dort liegt (*Trommelwirbel*) der größte noch Findling auf dem Festland von Mecklenburg-Vorpommern. Sein Name: “Großer Stein”.

(Ich bin kein großer Fan von Selfies, aber damit man eine Vorstellung davon bekommt, wie groß der “Große Stein” ist, diene ich hier als Größenmaßstab. Meine Körpergröße: 1,65 m)

Der “Große Stein” ist wirklich ein Brocken. Sein Umfang beträgt etwa 23 m, sein Volumen wird auf ca. 133 m³ und sein Gewicht auf etwa 360 Tonnen geschätzt. Wobei man hier nur ein Teil des Findlings sehen kann. Denn nur zwei Drittel ragen über der Erdoberfläche. Doch auch so wirkt der Findling riesig.

Der “Große Stein” besteht aus dem mittelkörnigen Hammer-Granit, der nachweislich aus Mittelschweden stammt. Vor 1,5 – 1,8 Milliarden entstanden, fand der Findling seinen Weg dank der Gletscher der letzten Eiszeit (Weichsel-Eiszeit) vor 14.000 Jahren hierher.

Einer Sage aber nach, ist der Teufel daran Schuld, das der Findling hier liegt. Einst wollte der Teufel diesen Stein an den gerade erbauten Turm der St. Petri-Kirche in Altentreptow werfen um die Kirche damit zu zerstören. Doch statt den Turm zu treffen, landete der Findling auf dem Klosterberg, wo er noch heute liegt.

Nasser Abschluss

Als ich den Klosterberg wieder verlasse, fallen die ersten Tropfen auf dem Boden. Der angekündigte Regen ist eingetroffen. So schnell wie möglich steige ich aufs Rad und fahre in Richtung Bahnhof Altentreptow. Also ich dort ankomme, giesst es aus Eimer!

Welch ein Glück ich doch habe. Abgesehen von den wenigen Tropfen, bin ich doch soweit trocken geblieben. Ich stelle mich unter das Vordach und warte auf dem Zug.

Fazit

Die Fahrradtour lädt ein, einmal durch ein Gebiet von Mecklenburg-Vorpommern zu fahren, das stark von der letzten Eiszeit geprägt wurde. Die befahrene Strecke gehört zur sogenannten “Eiszeitroute” und wer seine Augen offen hält, kann auch die Spuren und Hinterlassenschaften der Eiszeit erkennen. Informationsschilder, die an der Route aufgestellt worden sind, erleichtern das Erkennen dieser Spuren und erzählen über deren Entstehung.

Highlight der Tour ist das Ziel: Der größte der Findling auf dem norddeutschen Festland. Doch bis dahin wird man doch ab und angehalten um sich die Landschaft anzuschauen, die anfangs zuerst flach, aber dann zunehmend hügeliger wird.

Die wird vielleicht dem Anfänger nicht so sehr gefallen, dennoch sollte die Topographie nicht einem davon abhalten, das Tollensetal einmal zu durchfahren. Die Wege sind recht gut ausgebaut, zum größten Teil asphaltiert, so das es für Fahrradfahrer ein wahres Vergnügen ist, darauf zu fahren.

Eine schöne Tour, die man locker als Halbtagestour fahren kann. Viele Highlights hat sie nicht zu bieten, denn das eigentliche Highlight liegt am Ende der Route. Bis dahin kann man sich aber wunderbar von der Landschaft ein Bild machen und mit etwas Fantasie (und mit Hilfe der Schilder, die hier auf der Eiszeitroute aufgestellt worden sind) kann man sich vorstellen, wie es hier in der letzten Eiszeit aussah. Und vielleicht gewinnt man auch etwas Respekt vor den Naturgewalten wie Gletschern, die es immerhin geschafft haben, einen Findling von etwa 360 von Skandinavien bis hierher zu transportieren.

Steckbrief

Die Fahrradroute wurde mit Hilfe von komoot nachgezeichnet.

Anfahrt

Zug: Regionalzüge fahren nach Neubrandenburg und Altentreptow

Einkehrmöglichkeiten

Auf dem Weg von Neubrandenburg nach Altentreptow bieten Gemeinde und Ortschaften, die man durchfährt, Einkehrmöglichkeiten, jedoch sei emfpohlen sich eher ein Lunchpaket mitzunehmen.

Wegbeschafffenheit

Der Weg ist ist zum größten Teil asphaltiert oder besteht aus einem festen Straßenbelag.


Quellen und lesenswerte Links

Zwischen Neubrandenburg und Altentreptow gibt es einiges zu entdecken. Hier ist einiges an Lesefutter zu den Punkte, die ich im Blogbeitrag erwähnt habe:


Warst du einmal auf der “Eiszeitroute” unterwegs gewesen? Welche Route hast du genommen? War es mit dem Rad oder zu Fuß? Hinterlasse hier ein Kommentar oder schreibe mir eine Email.

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Zoe
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland

Hallo, ich bin Zoe - eine naturverrückte diplomierte Gestein- und Fossilienliebhaberin, die das Wandern nicht lassen kann. Per Fuß oder per Rad, hauptsache draußen und Natur entdecken - und ja Steine gehören bei mir einfach dazu. Ich freue mich auf einen regen Austausch, Ideen und Kommentare. Liebe Grüße - Zoe

Headerbild

Das Header-Bild September 2020 zeigt einen Fahrradweg südlich der Eulenspiegelstadt Mölln / Schleswig-Holstein, 2019

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