„Gift in den Händen eines Weisen ist ein Heilmittel, ein Heilmittel in den Händen des Toren ist Gift.“
© Giacomo Girolamo Casanova (1725 – 1798), italienischer Abenteurer und Schriftsteller
Mir ist seit einigen Jahren aufgefallen, dass ein schwarzblauer Käfer mit auffallend großem Hinterleib immer wieder Schlagzeilen in der regionalen Presse macht – vor allem in den Sommermonaten.
Der Grund: Er ist hochgiftig und daher für Menschen, die jetzt im Sommer die Ostseeküste besuchen, besonders gefährlich. Es wird vor diesem Käfer gewarnt. Ist die Panik aber berechtigt? Ist der Käfer wirklich so gefährlich?
Statt in Panik zu geraten (weil ich ja selbst im Ostseeküstenraum wohne), mache ich mir selbst ein Bild vom Tier und gehe auf Recherche. Mein Ergebnis dieser Arbeit präsentiere ich hier: ein Steckbrief über den Schwarzblauer Ölkäfer (Meloe proscarabaeus), der mehr ist als nur ein giftiges Tier – lies aber selbst.

Inhaltsverzeichnis
Namensherkunft
Dank seines glänzenden schwarz-blauen Körpers und teilweise verdickten Hinterleib (nur bei Weibchen dieser Art) ist diese Käferart sofort zu erkennen und von anderen Arten sehr gut zu unterscheiden. Neben seiner auffallende blau glänzenden Körper, der teils in seinem Namen steckt, weist der Name „Öl-“ darauf hin, das sich der Käfer bei Gefahr, aus Poren an den Kniegelenken ein öliges cantharidinhaltiges Tröpfchen austreten kann.
Ein weiterer Namen für diesen Käfer ist Schwarzer Maiwurm. Dieser Name bezieht sich auf seine Aktivität von April bis Juni. Andere gebräuchliche Namen sind „Pflasterkäfer“ und „Schmalzkäfer”.
Systematik
Der Schwarzblaue Ölkäfer gehört zu der Familie der Ölkäfer (Meloidae), eine Käferfamilie, die weltweit mit 2500 Arten vertreten ist und davon etwa 37 Arten in Mitteleuropa leben.
Nach aktuellem Stand (Juli 2026) wird die Familie der Ölkäfer in vier Unterfamilien unterteilt, die wiederum mehrere Gattungen umfassen. Der Schwarzblaue Ölkäfer gehört dabei zur Gattung „Meloe”.
Darstellung der Systematik:
- Tierreich (Animalia)
- Stamm: Gliederfüßer (Arthropoda)
- Klasse: Insekten (Insecta)
- Ordnung: Käfer (Coleoptera)
- Unterordnung: Polyphaga
- Überfamilie: Tenebrionoidea
- Familie: Ölkäfer (Meloidae)
- Unterfamilie: Meloinae
- Gattung: Meloe
- Art: Meloe proscarabaeus (Schwarzblauer Ölkäfer)
- Gattung: Meloe
- Unterfamilie: Meloinae
- Familie: Ölkäfer (Meloidae)
- Überfamilie: Tenebrionoidea
- Unterordnung: Polyphaga
- Ordnung: Käfer (Coleoptera)
- Klasse: Insekten (Insecta)
- Stamm: Gliederfüßer (Arthropoda)
Anatomie
Wie jedes Insekt folgt auch der Körperbau des Ölkäfers einer Gliederung in drei Abschnitten (sog. Tagmata): Kopf (Caput), Brust (Thorax) und Hinterleib (Abdomen) sowie dem Vorhandensein von genau drei Beinpaaren.

Auffällig bei dieser Käferart ist, dass die Deckflügel deutlich kürzer sind als der Hinterleib und am Ende stark auseinanderklaffen. Hinterflügel fehlen ganz.
Verwechslungsgefahr
Der Schwarzblaue Ölkäfer wird häufig mit dem Violetten Ölkäfer (Meloe violaceus) verwechselt. Beide sehen auf den ersten Blick sehr ähnlich aus, aber es gibt Unterscheidungsmerkmale, die hier aufgeführt sind:
| Merkmal | Violetter Ölkäfer (Meloe violaceus) | Schwarzblauer Ölkäfer (Meloe proscarabaeus) |
|---|---|---|
| Färbung | Intensiverer blau‑violetter Schimmer. | Pechschwarz mit leichtem, matterem Blauschimmer. |
| Halsschild | Zum Hinterleib hin deutlich eingebuchtet (wie eingedrückt). | Zum Hinterleib hin gerade oder leicht gewölbt, ohne Einbuchtung. |
| Fühler (Männchen) | Mittelglieder auffällig verdickt und unregelmäßig verformt/geknickt. | Geknickt, aber etwas gleichmäßiger geformt. |
Lebensraum
Der Schwarzblaue Ölkäfer bevorzugt als Lebensraum vor allem sandige Böden. Daher ist er auf Trockenrasen, Heiden und an Waldrändern zu finden. Sofern der eigene Garten einen sandigen Boden aufweist, ist auch dort der Ölkäfer anzutreffen.
Nahrung
Adulte Schwarzblaue Ölkäfer sind keine Jäger, sondern ernähren sich rein pflanzlich. Zu ihrer Nahrung gehören Bärlauch, Scharbockskraut, Buschwindröschen und anderen Blütenpflanzen. Daher sind die Käfer häufig an Wegrändern, in Gärten und lichten Wäldern zu finden.
Die Larven allerdings ernähren sich dagegen parasitisch. Sie leben in Wildbienennestern und fressen dort Bieneneier und Pollenvorräte.
Fortpflanzung und Larvenentwicklung
Die Fortpflanzung beim Schwarzblauen Ölkäfer ist ein komplexer Vorgang. Bis zu fünfmal im Jahr können die Weibchen zwischen 3.000 und 9.500 Eier im Boden legen. Die Larven schlüpfen im Idealfall nach drei Wochen. Dieses Larven-Stadium wird als Triungulin-Stadium bezeichnet. In diesem Stadium haben die Larven nur ein Ziel: einen geeigneten Wirt finden. Hierbei werden Wildbienen bevorzugt.
Um den Wirt zu erreichen, klettert die Triungulin-Larve auf Blüten und wartet auf eine vorbeikommende Biene. Erscheint ein passender Wirt, heftet sich die Larve an den Wirt und lässt sich in ein Wildbienennest tragen. Dieser Vorgang wird auch als „Phoresie” bezeichnet. Im Wildbienennest beginnt dann die eigentliche Entwicklung der Ölkäfer-Larve.
Der Vorteil dieses besonderen Larvenstadiums liegt auf der Hand: Die Larve ist hochbeweglich, sie besitzt greifende Beine und Haftstrukturen. Sie ist zudem sehr leicht und daher gut zu transportieren und sie muss noch keine Nahrung aufnehmen, denn ihr Ziel ist es erstmal einen passenden Wirt zu finden. Im Wildbienennest beginnt die Larve sich parasitär zu ernähren. Die Pollenvorräte und Bieneneier stehen hierbei auf ihrer Speisekarte. Die Larve wächst, häutet sie sich mehrfach und nimmt mehr die Form einer Made an.
Nach mehreren Häutungen verpuppt sich die Larve schließlich bis schließlich der adulte Käfer schlüpft und sich aus dem Bienennest entfernt. Die erwachsenen adulten Tiere sind dann die Käfer, die wir im Frühjahr am Wegesrand beobachten können.
Lebenserwartung
Die Lebenserwartung ist je nachdem ob man das Larvenstadium zum adulten Tier dazu rechnet oder nicht:
| Stadium | Dauer |
|---|---|
| Ei bis Triungulin | Wenige Wochen bis Frühjahr (je nach Art & Bedingungen) |
| Larvenstadien im Bienennest | Monate bis mehrere Jahre (4 – 6 Jahre möglich) |
| Adultes Käferstadium | 4 – 6 Wochen |
Fressfeinde
Aufgrund seines Giftes Cantharidin hat der Schwarzblaue Ölkäfer nur wenige Fressfeinde. Allerdings gibt es Beobachtungen, wo einige Wasservögel das Gift des Käfers tolerieren können. Hierzu zählt die Sporngans (Plectropterus gambensis) – ein Vogel, der in Afrika verbreitet ist, der Gift der Ölkäfer tolerieren kann.
Das Gift des Ölkäfers ist durchaus für andere Tierarten attraktiv. So suchen einige Käfer-, Wanzen- und Gnitzenarten gezielt tote oder lebende Ölkäfer und ihre Ausscheidungen auf, oder sie fressen die toten Tiere oder stechen sie an. Das aufgenommene Gift wird dann für die eigene Verteidigung eingesetzt. So ist es möglich, dass man viele kleine Gnitzen auf den Käfern sitzen sehen kann. Sie befinden sich meist an Stellen zwischen den Hinterleibsringen, denn dort können sie die giftige Körperflüssigkeit der Ölkäfer aufnehmen.
Gift des Käfers
Zuerst einmal ein Hinweis: Den Ölkäfer zu beobachten, auch aus der nächster Nähe, ist völlig ungefährlich. Die Käfer sind friedfertige Tiere und suchen eher das Weite als das sie Menschen angreifen. Der Schwarzblaue Ölkäfer springt niemanden an, beißt nicht, sondern rennt einfach nur weg, wenn er einen Menschen bemerkt – das sind meine persönlichen Beobachtungen auf Radtouren und Wanderungen, wo ich dem Käfer begegnet bin.
Ölkäfer allerdings anzufassen, zu fangen oder gar etwas zu drücken ist nicht zu empfehlen, denn sie können bei Gefahr eine gelbliche Körperflüssigkeit absondern (wie z.B. auch Marienkäfer), die sogenannte Hämolymphe. In dieser Hämolymphe kann das Gift Cantharidin angereichert sein, so das ein direkter Hautkontakt zu Hautreizungen führen kann.
Bei Kindern besteht die Gefahr, dass sie den Käfer ablecken oder gar verschlucken. Sollte dies passiert sein, ist umgehend der Giftnotruf und ein Rettungswagen zu rufen, denn es besteht Lebensgefahr. Es kann auch zu einer Blasenbildung auf der Haut kommen, die durch die Zerstörung der Zellverbindungen durch das Gift verursacht wird (sog. Akantholyse). Eine sofortige Maßnahme, in dem man die betroffene Stelle mit Wasser und Seife reinigt, kann helfen.
Ölkäfer und Mensch
Hier komme ich auf den Titel des Blogbeitrages zurück. Dank seines Giftes Cantharidin wurde der Schwarzblaue Ölkäfer sowohl als Heiltier, aber auch für Giftmorde verwendet.
Allgemein spricht man ja von „Heilpflanzen“, doch nie von sogenannten „Heiltieren“ oder gar „Heilinsekten“. Und dennoch kann man den Ölkäfer durchaus zur Kategorie „Heiltieren“ zählen. Ja, sie gehören sogar zu den ältesten nachweisbaren Heiltieren, denn bereits im Papyrus Ebers (ein medizinisches Papyrus aus dem Alten Ägypten) beschrieb bereits um 1550 v. Chr. das wahrscheinlich älteste Ölkäferpflaster in der Menschheitsgeschichte. Auch in der griechischen Antike wurde das Gift Cantharidin zur Behandlung einiger Krankheiten eingesetzt. Aber auch zur Hinrichtung verwendete man das Käfergift.
Auch in der neueren Zeit fand das Käfergift seine Verwendung. So hat der preußische König Friedrich II. (1712 – 1786) einem schlesischen Bauern das Geheimnis der Bereitung eines Mittels gegen Tollwut damals unerhört hohe Summe von 10.000 Talern abgekauft. 1777 folgte dann eine Verordnung, dass die Verfügbarkeit als „Mittel wider den tollen oder wüthenden Hundsbiß“ in den Apotheken angeordnet wurde.
Eine weitere Verwendung des Gift ist als Liebestrank. So wurde in Honig das Gift beigemischt, weil man sich eine Steigerung der sexuellen Potenz erhoffte. Allerdings ist das Gift nicht ohne Nebenwirkungen. Schwere gesundheitliche Schäden können die Folge sein. Hierzu zählen z.B. Kopfschmerzen, ein beschleunigter Puls, Atemnot, Schwindel, Zittern, Koma und letztendlich sogar der Tod.
Schädling und Schutzstatus
Der Schwarzblaue Ölkäfer ist kein Schädling und auch kein eingeschlepptes Tier, sondern gehört zur einheimischen Tierwelt in der Bundesrepublik Deutschland. Hier genießt er sogar einen strengen Schutzstatus.
Die Käfer stehen als gefährdete Art unter Naturschutz und dürfen daher auch nicht getötet werden. Nach der Bundesartenschutzverordnung (siehe: Abschnitt 6 Ländervorbehalt, §17 Ländervorbehalt, Anlage 1(zu §1) Schutzstatus wild lebender Tier- und Pflanzenarten, Erläuterungen zur Anlage 1) sind alle Arten der Gattung Meloe in der Bundesrepublik Deutschland besonders und streng geschützt.
Insekt des Jahres 2020
Der Schwarzblaue Ölkäfer wurde am 27. November 2019 gemeinsam von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und des Bundesamtes für Naturschutz zum Insekt des Jahres 2020 gewählt. Die Wahl zum Käfer des Jahres soll dabei helfen, nicht nur über das Tier aufzuklären, sondern auch etwas für den Schutz dieser Tiere zu tun.
Was kann ich für den Blauschwarzen Ölkäfer tun?
Das Wichtigste vorweg: Wenn du dem Tier begegnest, KEINE PANIK!
Der Käfer ist ungefährlicher, als uns die Medien weismachen möchten. Der Käfer greift keine Menschen an. Freu dich eher, dass dir die Möglichkeit gegeben wurde, diesen schönen Käfer einmal in freier Natur zu erblicken. Vom Anblick selbst giftiger Tiere ist noch keiner gestorben. Also erfreuen und in Ruhe lassen, dann kann nichts passieren.
Vor allem Aufklärungsarbeit bei Kindern im Umgang mit dem Käfer kann dazu beitragen, das Tier nicht mehr als reines „Gifttier” – vor allem in den Medien – zu verteufeln.
Quellen und lesenswerte Link
Im Internet gibt es unzählige Artikel zum Schwarzblauen Ölkäfer. Hier ist eine Auswahl:
- Verordnung zum Schutz wild lebender Tier- und Pflanzenarten – Bundesartenschutzverordnung
- Der Schwarzblaue Ölkäfer im Porträt – NABU
- Insekt des Jahres 2020 – Senckenberg Naturforschung
- Schwarzblauer Ölkäfer – Life Trockenrasen
- Food preference and consumption by adults of black blister beetle Meloe proscarabaeus (Coleoptera: Meloidae) on different host plants – ResearchGate (PDF-Datei)
- Ölkäfer besticht durch Taktik und Toxine – Spektrum der Wissenschaft
- Ölkäfer: Schmarotzen im Wildbienennest – NABU Schleswig-Holstein
- Insekt des Jahres 2020: der Schwarzblaue Ölkäfer – KÄFER & CO
- Ölkäfer – Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit
Titelbild-Quelle:
- Von arz – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1844535
Die Links wurde zuletzt am 21.07.2026 geprüft.
Bist du einmal dem Schwarzblauen Ölkäfer begegnet? Wo bist du dem Käfer begegnet?
Und wie nimmst du die Medienberichte über ihn wahr?
Hinterlasse gerne hier einen Kommentar oder schreibe mir eine E‑Mail.