Hallo da draußen

Ein Besuch bei der größten Binnendüne Europas

„Auch der mächtigste Fels in der Brandung wird zu Sand zermahlen. Doch je kleiner das Sandkorn, desto größer ist seine Chance mit einer Düne zu wandern.“

© Pascal Lachenmeier (*1973), Schweizer Jurist

Als Bloggerin, die gerne über die Geologie schreibt, gibt es natürlich einige Orte auf der Welt, die geologisch so interessant sind, dass man sie einfach besucht haben sollte.

Vom folgenden Ausflugsort habe ich schon einiges gehört und gesehen, aber irgendwie kam ich jetzt erst im Juni 2026 dazu (nachdem ich mittlerweile 10 Jahre in MV wohne) dazu, diesen Ort zu besuchen. Und dabei ist er gar nicht so weit von meinem Wohnort entfernt. Die Anreise dorthin gestaltete organisatorisch recht unkompliziert und zu guter Letzt: Das Wetter machte auch mit. Wohin ging nun meine Reise?  Nach Klein Schmölen, genauer gesagt zu der größten Binnendüne Europas.

Ankunft in Dömitz

Die kleine Festungsstadt Dömitz ist das Ziel meiner Reise. Sie liegt im südlichsten Zipfel Mecklenburg‑Vorpommerns, unmittelbar an der Elbe gelegen. Von der Landeshauptstadt Schwerin bis dorthin brauche ich mit dem ÖPNV nur etwa 90 Minuten, mit nur einmal umsteigen in Ludwigslust. „Das ist ja einfach!” ist mein Gedanke auf dem Weg zur Festungsstadt.

Vor Ort decke ich mich im Supermarkt noch einmal mit Getränken ein, denn jetzt im Juni ist der Sommer bereits in Mecklenburg-Vorpommern angekommen und ich befürchte, dass meine eingepackten Getränke meinen heutigen Flüssigkeitsbedarf nicht decken können. So stocke ich meinen Vorrat auf und der kleiner Fußmarsch von Dömitz nach Klein Schmölen, ein Ortsteil, der sich unmittelbar neben Dömitz befindet, kann beginnen.

Der Weg zur Düne

Was mich überrascht, ist die fehlende Ausschilderung zur Binnendüne. Ich sehe einfach nichts. Und somit war ich mir auch nicht sicher, ob ich denn auf dem richtigen Weg befinde. Laut Navigation ja. Nun gut, ich vertraue ihr und tatsächlich, nachdem ich einen ziemlich zugewachsenen Weg durchstreift habe, erreiche ich den Hauptweg, der mich direkt zur Düne führt. Es läuft also alles Plan.


Ist das der richtige Weg?!

Der Wald zwischen Klein Schmölen und der Binnendüne

Nun geht es jetzt weiter auf dem Hauptweg in Richtung Süden. Ich nehme den Kieferngeruch des Waldes da. Daran sind die Terpene Schuld, die natürlichen Duftstoffe, die dafür sorgen, dass der Baum geschützt, aber gleichzeitig auch diesen für mich typischen harzigen Waldgeruch erzeugt. Ich stecke die Nase in die Luft und schließe die Augen. Einfach herrlich.

Neben Wald-Kiefern (Pinus sylvestris) entdecke ich auch andere Bäume, doch dominiert wird dieser Wald eindeutig von den auffällig schlanken Nadelbäumen. Es gibt hier zudem quasi zwei Stockwerke, die ich beobachten kann.

Das Unterholz und die ersten ein bis zwei Metern werden von Laubholz, grünen Büschen und auffälligen Blumen, wie z.B. der Fingerhut (Digitalis purpurea) dominiert, den ich hier in zwei Farbvarianten, weiß und rosa, beobachten kann. Die weiße Farbe ist eine Laune der Natur bzw. eine genetische Farbvariation. Auf jeden Fall ein paar willkommene schöne Farbtupfer in dem sonst überwiegenden Grün und Braun.


Lauen der Natur: ein weißer Fingerhut

Kein Hinweis auf die Düne, aber bei jedem Schritt lichtet sich der Wald zunehmend. Ich bin froh, genug Getränke, denn dank der sehr zunehmenden lichten Nadeldaches der Kiefern, spüre ich bereits deutlich die Wärme der Sonne. Schließlich verschwindet das grüne Unterholz gänzlich, nur noch die Kiefern und sandiger Boden, die teils mit grau-braunen Nadeln bedeckt ist, bleiben übrig. Und da sehe ich schon einen auffälligen Gleithang und ich hab freie Sicht auf eine flache, grüne Wiesenlandschaft. Eine Bank und ein Schild mit dem Hinweis „Dünen-Lehrpfad” begrüßen mich. Ich bin am Ziel.


Auf der rechten Seite lässt sich der Dünenrücken bereits gut erkennen

Entstehung der Binnendüne

Statt den Lehrpfad entlangzugehen, der um die Düne zu führen scheint, entscheide ich mich für eine Klettertour. Es geht also auf die Düne hinauf. Ein Weg führt mich direkt zum Gipfel. Es ist heiß. Die Sonne scheint erbarmungslos. Und ich rutsche immer wieder mal ab auf dem feinkörnigen hellen Sand immer ab. Doch schließlich schaffe ich es und habe eine wunderbare Aussicht und — das jetzt zur Mittagszeit noch wichtiger ist: einen schattigen Platz.

Ich stehe hier nun auf einem, ganz nüchtern betrachtet, riesigen Sandberg. Aber wie kommt dieser Berg an diesem Ort hierher, wo doch die Ostsee bzw. ein Meer, wo man ja eher Sanddünen erwarten würde, knappe 100 Kilometer entfernt ist?

Die Antwort ist, dass der Grundstein für die Bildung der Binnendüne bereits vor etwa 12.000 Jahre gelegt wurde. Die Gletscher der letzten Eiszeit (sog. Weichsel-Eiszeit) zogen sich zurück und hinterließen das Elb-Urstromtal und feine Sande, die dank der Schmelzwässer abgelagert wurde. Die Landschaft war karg, denn kaum Pflanzenbewuchs und nur sehr wenige Bäume. Der Wind konnte somit frei über die weiten leeren Flächen wehen. Der feine Sand wurde so durch die Winde langsam aufgetürmt, die ersten Dünen entstanden. So bildete sich ein etwa 100 Kilometer langer Dünenzug, der sich von Boizenburg bis nach Wittenberge erstreckte. Die Binnendüne von Klein Schmölen war geboren. Im Verlaufe der Zeit wuchs die Düne bei Klein-Schmölen an. Aktuelle höhe etwa 30 bis 40 Meter. 600 Meter breit und 2 Kilometer lang.


Düne unter den Füßen und Wiesenlandschaft in der Ferne

Auf dem Dünenpfad entlang

Der Anblick auf die weiten, grünen Wiesen der Löcknitz-Niederung ist einfach wunderbar und auch ein wenig surreal. Denn im starken Kontrast dazu stehe ich auf einem kargen Sandboden, und um mich herum sehe ich nur knorrige Kiefern, grau-braune Gräser und Bodenpflanzen, die sich wohl gut mit dem extremen Lebensraum aus Sand und stetiger Trockenheit arrangiert haben.

Das ich statt der Route um die Düne, mich für den Weg auf die Düne entschieden habe, erweist sich letztendlich eine gute Entscheidung. Denn auf dem Dünenkamm verläuft ein Abschnitt des Dünenlehrpfades. Ich erblicke das erste Schild, das mir allerhand Informationen zum Thema „Trockenrasen unter Wasser” liefert.

Errichtet wurde der knapp ein Kilometer lange Lehrpfad im Jahre 2005 und verläuft einmal um die nahezu wüstenartige Hauptdüne. Hier auf dem Hauptgipfel stehe ich auf etwa 30 Höhenmetern. Wobei es auch angaben bis 40 Höhenmetern gibt.

Der eigentliche Verlauf des Dünen-Lehrpfades beginnt am Parkplatz am Rande von Klein Schmölen-Ausbau, eine kleine historische Siedlung, die sich südlich der Binnendüne befindet. Der Lehrpfad verläuft über offene Sandflächen zur Hauptdüne hinauf. Ich nehme den umgekehrten Weg, nach ich genug die Aussicht gen0ssen habe. Es geht also geht hinab zu offenen Sandflächen und zum Fuß der Düne.

Insgesamt befinden sich auf dem Lehrpfad 8 Info-Tafeln, die interessante Überschriften aufweisen: „Leben im Windschatten, Naturvielfalt”, Trockenrasen unter Wasser”, „Pflanzen als Retter in der Not?, „Mehr als Soldatensegge und Tripmadam”, „Ein Löwe wird zur Jungfer, „Gefährdung der Sandtrockenrasen”, „Vom Winde verweht”, „Kaktusmoos – eine invasive Art”, „Treffpunkt biologischer Vielfalt” und „Dünen-Lehrpfad im Schutzgebiet von weltweiter Bedeutung”


Hier werden Sie informiert!

Die Pflanzenwelt der Binnendüne

Neben den Wald-Kiefern, die man nicht nur hier, sondern überall hier in Mecklenburg-Vorpommern vorfindet, gibt es natürlich auch Pflanzen zu entdecken, die nur auf diesen sehr trockenen und sandigen Boden der Binnendüne gedeihen können. Hierzu gehört das Blauschillergras (Koeleria glauca), eine seltene Grasart, die an die extreme trockene Trockenheit angepasst ist. Sie ist eine sogenannte Charakterpflanze für nährstoffarme, oft kalkhaltige Sandtrockenrasen und Binnendünen. Zudem ist sie auch Namensgeber für das Biotop, das man hier vorfindet und charakteristisch für die Binnendüne ist: der Blauschillergras-Rasen.


Ein Büschel vertrocknetes Blauschillergras

Der Blauschillergras-Rasen ist europaweit ein geschützter Lebensraumtyp. Laut weiterer Info-Tafeln auf dem Dünen-Lehrpfad kann ich entnehmen, dass sich das Kaktusmoos (Campylopus introflexus), eine ursprünglich nur auf der Südhalbkugel beheimatete Moos-Art, sich hier als invasive Art verbreitet hat. Diese Moos-Art neigt dazu, ein etwa 5 Zentimeter dickes teppichartiges Polster zu bilden, dass verhindert, dass andere einheimische Arten sich ausbreiten können.

Um das weitere Ausbreiten des Kaktusmooses zu verhindern, wird als regelmäßige Maßnahme das sogenannte „Abplaggen” durchgeführt. Hierbei wird mit Hilfe eines speziellen Mini-Baggers die oberste Vegetations- und Humusschicht abgetragen um somit den ursprünglichen Sandboden wieder freizulegen. Zusätzlich werden einmal im Jahr Ziegen und Schafe als Landschaftspfleger eingesetzt, um die Vegetation offen zu halten. Diese Maßnahmen, Beweidung und Anplaggen, scheint das Kaktusmoos weitgehend zurückzudrängen. Es ist aber wichtig, das diese Maßnahmen weiterhin regelmäßig durchgeführt werden.


Kaktusmoos, etwas vertrocknet

Ich setze meine botanische Entdeckungsreise auf der Düne fort. Neben dem Blauschillergras entdecke ich weitere Pflanzen, die extreme Trockenheit und Sandböden lieben. Dazu gehört die Sandsegge (Carex arenaria). Diese robuste Seggen-Art, die mit langen Ausläufern den Sand stabilisiert, findet man häufig an den Dünenrändern und Halbtrockenrasen. Dazu gesellt sich das Silbergras (Corynephorus canescens), ein klassisches Dünenpioniergras, das extrem trockenheitsresistent ist. Es besiedelt frische Sandbewegungen und ist damit ein Schlüsselindikator für aktive Dünenprozesse. Ja, auch die Binnendüne von Klein Schmölen war einst eine aktive Dünen, die aber jetzt mittlerweile eher zum Stillstand gekommen ist.

Die Tierwelt der Binnendüne

Stillstand ist aber definitiv nicht bei der Tierwelt auf der Dünen zu beobachten. Denn zu meinen Füßen wuselt regelrecht ein Volk, mit dem ich die wenigen Schattenplätze auf der Düne teilen muss,. Denn sobald ich mich hinsetze, werde ich von ihnen „überfallen”. Ich spreche von Ameisen. Genauer gesagt von der Schwarzen Wegameise (Lasius niger), eine häufig vorkommende Art. Und überall wo ich mich im Schatten hinsetzen möchte, sind sie schon da. Ich lasse es mit dem Sitzem, denn bereits nach wenigen Minuten gebe ich auf und setze meinen Weg entlang des Dünenpfades fort. Andere Insekten, die hier auf und an der Binnendüne heimisch sind ist der Ameisenlöwe (Larve der Ameisenjungfer Myrmeleon formicarius), der für seine trichterartigen Bauten bekannt ist.


Gewusel vor dem Eingang zum Ameisenbau

(Hobby-)Ornithologen kommen auf der Binnendüne ebenfalls auf ihre Kosten, kann man doch hier doch den Baumfalken (Falco subbuteo) über den Wiesen bei der Jagd beobachten, der Heidelerche (Lullula arborea( ihrem melodischen Gesang lauschen oder den Rotmilan (Milvus milvus) am Himmel kreisen sehen

Zurück zum Ausgangsort

Ich steige die Hauptdüne herunter, komme an weiteren Infotafeln vorbei und schließlich stehe ich vor dem langen Dünenkomplex. Was für ein Anblick. Kaum zu glauben, das dieses natürliche Bauwerk allein vom Wind zusammengetragen wurde.

Ich bin nicht die einzige Bewunderung des Anblicks. Mittlerweile sind mir auch tatsächlich ein paar Besucher entgegengekommen. Man begrüßt sich, tauscht sich aus und stellt fest, das dieser  der zum Glück als Naturschutzgebiet und Geotop ausgewiesen worden ist und somit für die nachfolgende Generationen bewahrt bleibt, ein wunderbarer und einzigartiger Ort ist. Dem kann ich nur letztendlich zustimmen.

Weitere Impressionen


Karte mit Wanderroute


Quellen

Hier findest du allerlei Lesefutter zum Thema Binnendüne Klein-Schmölen


Warst du schon einmal auf der Binnendüne? Welche Naturbeobachtungen hast du dort gemacht? Welches Gefühl hattest du, als du auf dem Dünenkamm standest?

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