Hallo da draußen

Die Raseineisenstein-Dörfertour – Klump(en) im Dorf entdecken

„Da liegt es still, im saatengrünen Thale,

Das Dörfchen von Gebüsch umkränzt,

Die Dächer roth vom Abenddämrungsstrale,

Der durch die Lindenwipfel glänzt!“ (Auszug aus dem Gedicht „Das Dorf“)

© Friedrich von Matthisson (1761 – 1831), deutscher Lyriker, Legationsrat, Theaterintendant und Bibliotheksleiter

Ich bin ein Fan von Themenwegen – sei es zu Rad oder zu Fuß. Wie schön, dass es hier in Mecklenburg sogar einen Radweg gibt, der sich mit Geologie beschäftigt.

Anfang Juni 2024 war ich auf den Spuren eines besonderen Gesteins gewesen: des Raseneisensteins, der hier in der Region auch als „Klump” bezeichnet wird. Es gibt zwei große Radrunden, die sich mit dem Raseneisenstein beschäftigen. Zum einen gibt es die „Städte-Tour”, die östlich von Ludwigslust verläuft und durch Städte wie Neustadt-Glewe führt. Die zweite Tour ist die „Dörfertour” und führt durch einen hauptsächlich ländlich geprägten Raum, westlich von Ludwigslust. Diese Tour stelle ich hiermit vor.

Was ist die Raseneisenstein-Dörfertour?

Wer sich für Geologie interessiert und gleichzeitig in Westmecklenburg lebt, kommt an den Raseneisenstein nicht vorbei. Vor allem in der Region um die Stadt Ludwigslust ist dieses Gestein allgegenwärtig.

(Mehr über das Gestein kannst du in diesem Blogartikel lesen: Der Klump(en) auf der Wiese: Der Raseneisenstein – Rambling Rocks)

Die Raseneisenstein-Dörfertour ist hierbei eine etwa 46 Kilometer lange Radtour, die dich westlich von Ludwigslust durch hauptsächlich ländlich geprägten Raum führt.

Die Dörfertour gehört wie auch die Städtetour zum Projekt „EntdeckerRouten“, das vom Städtebund Ludwigslust, Neustadt-Glewe und Grabow sowie dem Amt Ludwigslust-Land erstellt worden ist. Es handelt sich hierbei um ein digitales, GPS-gestütztes Navigations- und Informationssystem mit Routenvorschlägen (für Wanderer und Radfahrer) in der Region Ludwigslust, Neustadt-Glewe und Grabow.

Auf diesen beiden Routen radelt man durch Dörfer und Städte um Ludwigslust und erfährt so einiges über den „Klump“, der doch an vielen Ecken immer wieder auftaucht. Zudem lernt man die Region um Ludwigslust ein wenig besser kennen. Als Wegmarkierung dient eine Haussilhouette, die das typische Muster (schwarze Steine auf weißem Grund) einer Raseneisensteinmauer aufweist.

Schlosspark und Grotte

Wie auch bei der Städtetour, startet auch die Dörfertour in Ludwigslust. Mit dem Regionalzug ist die Anreise mit dem Fahrrad kein Problem.

Vom Bahnhof aus führen mich die ersten Kilometer durch den grünen Schlosspark. Die Strecke ist mir dabei nicht unbekannt, denn bereits bei der Städtetour radelt man die ersten Kilometer durch den grünen Park, der sich nördlich vom Ludwigsluster Schloss befindet. Hier gibt es auch die erste Station mit Raseneisenstein zu entdecken: die Grotte.


Seitenansicht von der Grotte

Raseneisenstein ist aufgrund seiner Farbe und seiner Eigenschaften kein guter Fassadenstein für prachtvolle Bauten. Doch der Hofbaumeister Joachim Busch hatte eine Idee, wie man den Raseneisenstein dennoch bautechnisch nutzen konnte. So ließ er im Jahre 1788 die „Grotte“, eine Bauanlage, die im Stil einer mittelalterlichen Burgruine errichten.

Hierbei erfüllte der Raseneisenstein perfekt einige Kriterien: Zum einen wirkt das Gestein dank seines braunen, extrem porösen und löchrigen Eigenschaften den „zerfallenen” Charakter der Burgruine. Zum anderen steht der Bau auch symbolisch für die Vergänglichkeit des Menschen; ein später für die Romantik typisches Thema. Und letztendlich hatte die Grotte auch einen praktischen Nutzen. An der Ruine wurde auch ein Eiskeller eingerichtet, der von der Hofgesellschaft genutzt werden konnte.

Heutzutage ist die Burgruine frei zugänglich und ein beliebtes Fotomotiv. Der Eiskeller hat nicht mehr die Funktion eines „Kühlschranks”, sondern wird von Fledermäusen als Winterquartier genutzt.

Das erste Dorf

Nach dem Besuch der Grotte radle ich weiter durch den Schlosspark bis ich die Landstraße L 07 kreuze. Bei der Städtetour würde ich jetzt nach rechts abbiegen, aber in diesem Fall führt meine Fahrt in westliche Richtung.

Nach etwa 10 Kilometern erreiche ich die Gemeinde Warlow. Hier entdecke ich die ersten Raseneisensteine in einer Mauerfassade. Eingearbeitet in weißes Fugenmaterial ist der Kontrast sofort erkennbar. Eine Infotafel erläutert, was es mit der „Klump”-Mauer auf sich hat.


Blick auf die Mauer

Weiter auf der Kreisstraße K34 entlang radel ich nun auf einem Abschnitt des Elbetal-Schaalsee-Rundweges. Bei diesem Radweg handelt es sich um eine insgesamt 361 Kilometer lange Rundtour, die man in sieben Etappen absolvieren kann.

Das Besondere bei dieser großen Runde ist, dass sie durch zwei UNESCO-Biosphärenreservate führt: das Mecklenburgische Elbetal und das Biosphärenreservat Schaalsee. Für Radfahrer, die viel ursprüngliche Natur in Mecklenburg erleben möchten, ist sie genau das Richtige.

Die Kirche zu Picher

Ich erreiche das nächste Dorf. Hier in Picher folge ich einfach den Routenverlauf und werde so automatisch zur Ortsmitte geführt, wo mich die stattliche neugotische Kirche begrüßt.

Die Kirche ist zwar nicht aus Raseneisenstein erbaut worden, aber dennoch aus einem Stein, den man im ganzen Ostseeraum vorfindet: aus rotem Backstein. Da es an der Küste an festem Naturstein (wie z.B. Marmor, Granit o.ä.) fehlte, hat man sich anders beholfen um große Bauwerke zu errichten.


Die Dorfkirche zu Picher

Lehm und Ton dagegen waren reichlich vorhanden. So hat man aus diesem Material Backsteine gebrannt und diese für den Häuserbau verwendet. So bildete sich im 12. Jahrhundert im ganzen Ostseeraum ein Baustil heraus, der als Backsteingotik bezeichnet wurde. Hierbei gilt die Marienkirche in Lübeck als „Mutterkirche” der Backsteingotik, weil sie den Stil radikal neu definierte und zum gestalterischen Vorbild für fast 70 Großkirchen im gesamten Ostseeraum wurde.

Die Kirche in Picher allerdings stammt nicht aus der Zeit der Backsteingotik, sondern wurde erst im späten 19. Jahrhundert erbaut. Dennoch ist ihr Baustil eine bewusste, historische Entlehnung und Neuinterpretation der Backsteingotik. Der Architekt und Denkmalpfleger Georg Daniel hat die Kirche zwischen 1875 und 1880 im neugotischen Stil errichten lassen. Sie ist zudem eine der größten ihrer Art in der Region und wird aufgrund ihrer Größe mit Stadtkirchen verglichen, obwohl sie eigentlich „nur” eine Dorfkirche ist.

Nur einen Katzensprung entfernt steht eine Info-Tafel zu den verschiedenen Raseneisenstein-Touren in der Region. Ich verlasse Picher in Richtung Süden, passiere das Dorf Neu Krenzlin und mache, kaum dass ich das Dorf wieder verlassen habe, eine unerwartete Entdeckung.

Der größte Findling der Griesen Gegend

Ein Findling. Ein richtig großer Findling.

Es handelt sich hierbei um einen etwa 19 Tonnen schweren Rotgneis, der als größter Findling in der Griesen Gegend bezeichnet wird. Der schwach metamorphe Orthogneis wurde wahrscheinlich gegen Ende der Saale-Eiszeit (Warthe-Stadium) durch Gletscher bis hier in die Region transportiert. Das Alter des Gesteins wird auf zwischen 1,8 bis 1,9 Milliarden Jahre geschätzt. Ein kleines Metallschild, das sich direkt neben dem Gestein befindet, gibt mir diese Informationen.


Ein großer Brocken: der Findling bei Neu Krenzlin

Und ich muss sagen, es ist ein wirklich großer Brocken, der hier aufgestellt wurde. Aufgestellt, weil sich der Findling ursprünglich 30 Zentimeter unter der Pflugsohle im angrenzenden Acker befand. Bereits 2005 entdeckt, wurde er mit Hilfe von Mitarbeitern der Firma Agrarprodukte Göhlen eG freigelegt und letztendlich hier am Wegrand repräsentativ aufgestellt.

Kein Klump, aber dennoch ein beeindruckendes Gestein. Zumal Findlinge und Geschiebe ebenfalls zur Geologie und damit auch zum Landschaftsbild von Mecklenburg gehören, genauso wie der Raseneisenstein.

Der Rennofen in Göhlen

Der nächste Haltepunkt wartet auf mich im nächsten Dorf. In Göhlen finde ich nicht nur eine Infotafel vor, sondern auch in einem Glaskasten einen originalgetreuen Nachbau eines Rennofens. Im 4. und 5. Jahrhundert betrieben Germanen in Göhlen im großen Maße Eisenverhüttung.


Der Rennofen-Nachbau

Dank zahlreicher Fundstätten und Überreste von etwa 500 historischen Rennöfen gilt Göhlen als einer der größten germanischen Eisenverhüttungsplätze Norddeutschlands. 2005 hat man sogar versucht mit Hilfe eines Rennofen-Nachbaus Eisen zu verhütteten. Der Versuch war durchaus erfolgreich, doch wie letztendlich die Germanen Eisen in großen Mengen verhütten bleibt weiterhin ein Geheimnis.

Glaisin

Die letzte Station dieser Radreise ist das Dorf Glaisin. Hier fahre ich einen kleinen Abstecher zum Gillhoff Stuv Museum. Dieses Museum, das einst eine Dorfschule war, ist dem Schriftsteller Johannes Gillhoff gewidmet und zeigt Einblicke in das damalige Dorfleben und die Auswanderungsgeschichte des Dorfes. Denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten etwa 350 Einwohner aus der Griesen Gegend in Richtung Nordamerika aus; das geschah während der Amtszeit von Gillhoffs Vater, der damals Dorflehrer in Glaisin war.


Das Museum Gillhoff Stuw

Inspiriert durch Briefe des Glaisiner Auswanderers Carl Wiedow, die im damaligen Schulhaus eintrafen, schrieb Gillhoff den Briefroman „Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer“ (1917).

Neben dem Museum gibt es im Dorf alte reet- und pfannengedeckte Häuslerkaten zu bewundern. Diese Häuser sind noch Zeugen einer früheren Zeit und zeigen, wie damals Kleinbauern (sog. „Häusler“) hier in der Region lebten. 

Zurück in Ludwigslust

Über den Ludwigsluster Stadtteil Techentin radel ich die letzten Kilometer durch das Zentrum der Stadt zurück zum Bahnhof. Auf dem Weg gibt es noch einiges an Klump-Mauerwerk zu betrachten, so zum Beispiel im Schlachthofweg bei der Stadtkirche. Wenige Pedaltritte weiter passiere ich das Ägyptische Tor, das ich bereits auf meiner Städtetour kennengelernt habe. Ein ungewöhnliches, aber schönes Bauwerk, das den Eingang des Friedhofs ziert.


Das Ägyptische Tor

Über den Schlossplatz radel ich am Ludwigsluster Schloss vorbei und durch den mittlerweile gut vertrauten Schlosspark bahne ich mir meinen Weg zurück zum Bahnhof. Dort endet meine Reise auf der Raseneisenstein-Dörfertour.


Streckbrief

Wegbeschaffenheit:

teils Pflastersteine in Ludwigslust, teils befestigte Wege durch Wald, ansonsten hauptsächlich asphaltiert
Einkehrmöglichkeit:

Am Ausgangsort Ludwigslust kann man sich vor oder nach der Radtour stärken, ansonsten empfehle ich für die Tour Getränke und Snacks mitzunehmen


Quellen und lesenswerte Links

Hier findest du weiteres Infomaterial zur Raseneisenstein-Dörfertour:

Die Links wurden zuletzt am 31.10.2026 überprüft


Hast du auch bereits die Raseneisenstein-Städtetour absolviert? Welche Entdeckungen fandest du dabei spannend? Kennst du weitere Gegenden mit dem Raseneisenstein?

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