Die Raseneisenstein-Städtetour – Klump(en) in der Stadt entdecken
„Von einer Stadt in die andere reisen, die Merkwürdigkeiten anschauen und dann sich wieder weiter trollen, das ist keine Kunst … aber zu Haus sein muss man überall.“
© Johann Nepomuk Nestroy (1801 – 1862), österreichischer Dramatiker, Schauspieler und Opernsänger.
Die Themenradtour „Raseneisenstein – Städtetour” habe ich Ende April 2024 absolviert. Zu dem Zeitpunkt hatte ich auf meinem Komoot-Account genau 555 Follower. Als Dankeschön an meine Follower und weil ich die Zahl „555” einfach irgendwie cool fand, wollte ich mir (und meinen Follower) eine besondere Radtour herauspicken. Und welche Radtour passt für mich besser als eine, die sich mit Geologie beschäftigt?!
Inhaltsverzeichnis
Was ist die „Raseneisenstein–Städtetour”?
Wer sich für Geologie interessiert und gleichzeitig in Westmecklenburg lebt, kommt an den Raseneisenstein nicht vorbei. Vor allem in der Region um die Stadt Ludwigslust ist dieses Gestein allgegenwärtig.
(Mehr über das Gestein kannst du in diesem Blogartikel lesen: Der Klump(en) auf der Wiese: Der Raseneisenstein – Rambling Rocks)
Dass man ein Gestein per Rad erkunden kann, ist dem Städtebund Ludwigslust, Neustadt-Glewe und Grabow sowie dem Amt Ludwigslust-Land zu verdanken. Im Rahmen des Projektes „EntdeckerRouten”, ein digitales, GPS-gestütztes Navigations- und Informationssystem, haben sie zwei Raseneisenstein-Radtouren erstellt: die sogenannte „Städtetour” und „Dörfertour”. Als Wegmarkierung dient eine Haussilhouette, die das typische Muster (schwarze Steine auf weißen Grund) aufweist.
Auf diesen beiden Routen radelt man durch Dörfer und Städte um Ludwigslust und erfährt so einiges über den „Klump“, der doch an vielen Ecken immer wieder auftaucht. Zudem lernt man die Region um Ludwigslust ein wenig besser kennen.
Ausgangsort Ludwigslust
Das Rad ist für die Tagestour gepackt und los geht es mit dem Regionalzug nach Ludwigslust. Vom Bahnhof aus radel ich erst einmal zum eigentlichen Ausgangspunkt der Städtetour: dem ägyptischen Friedhofstor.

Diese historische Toranlage besteht aus zwei Glockentürmen, die im späten 18. Jahrhundert errichtet wurden. Auffällig ist ihre pylonartige Architektur, d.h. zwei Türme, die ein Tor bilden und von unten nach oben sich verjüngen. In der ägyptischen und griechischen Antike war diese monumentale Bauform (sog. „Pylon”) durchaus häufig anzutreffen.
Doch neben dem einzigartigen Bau fällt mein Blick auf Baumaterial, das eine einzigartige Kombination aus rotem Backstein und dem regionalen Klump bildet. Raseneisenstein in unterschiedlicher Größe wurde hier mit Mörtel zu einer Wandfläche verarbeitet, während der rote Backstein den Rahmen bildet.
Aber hat man sich für diese Architektur entschieden? Nun, die Stadtkirche besaß keinen eigenen Turm, sodass die Glocken an einem anderen Ort untergebracht werden mussten. Die pylonartige Architektur bot dafür eine funktionale Lösung und verlieh dem Eingang zugleich eine repräsentative, monumentale Wirkung, die gut zum Gesamtbild der Ludwigsluster Anlagen passte. So kam ein Stück Ägypten nach Ludwigslust.
Schlossplatz und Schlosspark
Weiter geht meine Fahrt über den Schlossplatz in den Schlossgarten. Auffällig beim Schlossplatz ist es, dass man hier vergeblich nach Raseneisenstein sucht. Denn weder für den Schlossplatz mit seinen Kaskaden noch für das Ludwigsluster Schloss wurde Raseneisenstein als Baumaterial verwendet.
Der Grund dafür ist, dass sich dieses Gestein nur bedingt als Baumaterial für große, monumentale Bauten eignet. Zudem passt das dunkle Gestein nicht zum hellen prunktvollen, klassizistischen Residenzcharakter des Schlosses.

Aber der Hofbaumeister Joachim Busch hatte eine Idee, wie man ihn dennoch bautechnisch nutzen konnte. So errichtete er aus Raseneisenstein im Jahre 1788 die „Grotte“, eine Bauanlage, die im Stil einer mittelalterlichen Burgruine errichtet wurde.
Hierbei erfüllte der Raseneisenstein perfekt einige Kriterien: Zu einen wirkt das Gestein dank seines braunen, extrem porösen und löchrigen Eigenschaft den „zerfallenen” Charakter der Burgruine. Zum anderen steht der Bau auch symbolisch die Vergänglichkeit des Menschen; im damaligen Zeitalter der Romantik ein gängiges Thema.
Und letztendlich hatte die Grotte auch einen praktischen Nutzen. An der Ruine wurde auch ein Eiskeller eingerichtet, der von der Hofgesellschaft genutzt werden konnte. Heutzutage ist die Burgruine frei zugänglich und ein beliebtes Fotomotiv. Der Eiskeller hat nicht mehr die Funktion eines „Kühlschranks„, sondern ist Winterquartier für Fledermäuse.

Ich steige vom Rad ab und schweife mit meinem Blick über das Mauerwerk der Burgruine. Mir fällt auf, wie groß doch einige Brocken sind. Und auch wie porös und fragil das Gestein erscheint. Zudem fällt hier der Kontrast zwischen Gestein und Fugenmaterial deutlich auf: hell und dunkel.

Nach diesem kleinen Ausflug in die Zeit der Romantik steige ich wieder auf den Fahrradsattel und die Reise geht weiter durch das dichte Grün des Schlossgartens in Richtung Norden.
Die Griese Gegend
Kurz vor dem Bahnübergang bei Weselsdorf lasse ich den Schlosspark hinter mir und es geht auf Landstraßen weiter in Richtung Neu Lüblow.
Jetzt im Frühjahr sind besonders die Alleen schön anzusehen, die ich durchfahre. Die oft kilometerlangen Baumreihen gehen auf die Herzöge zurück, die die Region als Jagdrevier gerne nutzten und auch eine Art Machtsymbol waren, denn die langen, geraden Wege zeigten, dass man sich durch die „unwegsame Natur“ einen Weg gefunden hatte.

Ich befinde mich hier in der sogenannten „Griesen Gegend”. Abgeleitet vom niederdeutschen Begriff für grau oder griesig („sandig“) und beschreibt die überwiegen grauen, kargen und sandigen Boden der Region.
Doch nicht nur der überwiegend sandige Boden ist typisch für die Region. Als Radfahrer fällt es sofort auf: Die Region von Ludwigslust ist flach. Hügel gibt es nur wenige und Berge sucht man hier vergeblich. Die Griese Gegend zeigt ein überwiegend flaches Landschaftsbild. Für gemütliche Fahrradtouren bestens geeignet.
Zu verdanken ist es den eiszeitlichen Gletschern aus der Weichsel-Eiszeit. Als diese saufgrund der aufkommenden Warmzeit zum Stillstand kamen und das Eis langsam auftaute, floss das Schmelzwasser in Richtung Südwesten, wo sich das Urstromtal der Elbe bildete. Das Schmelzwasser transportierte hierbei riesige Mengen an Geröll, darunter Kies und vor allem feine Sande. Sobald das Wasser flachere Abschnitte erreichte, lagerte sich der feine Sand fächerförmig ab. Diese Ablagerung nennen die Geologen Sander.
So radel ich durch die einst herzoglichen „grünen Korridore” und erfreue mich an deren Anblick, schließlich liegt Frühling in der Luft und die aufkommende grüne, flachen Landschaft, die doch ab und an ein paar weite Blicke in die Landschaft ermöglicht und somit ein gutes Radgefühl bei mir aufkommen lässt.
Die Klumphäuser in Lüblow
Die Gemeinde Lüblow mit ihrem Ortsteil Neu Lüblow liegt mitten im Herzen des Landkreises Ludwigslust-Parchim. Hier entdecke ich die ersten für die Region so typischen „Klumphäuser”. Dank der kontrastreichen Fassade sind die auffälligen Häuserfassaden nicht zu übersehen.

Für das Mauerwerk wurde Raseneisenstein in unterschiedlichen Größen verwendet. Aufgrund dieser vielfältigen Form der Gesteine wurden beim Bau der Häuser breite Fugen benötigt. Strahlend weißer Kalkmörtel wurde meist verwendet. Diese Kombination aus dunklem Gestein und strahlend weißen Fugenmörtel macht sie zu optisch ansprechenden Bauwerken. Ergänzt wird diese Architektur mit klassischen roten Ziegeldächern und roten Backsteinen an den Fenster- und Türeinfassungen.
Diese Häuser zählten historisch betrachtet zu den Häusern der „kleinen Leute”. Bevor die Region mit Kiefern aufgeforstet wurde, war die Griese Gegend eine holzarme Gegend und es gab auch keine natürliche Gesteinsvorkommen von Granit oder Kalkstein, die man für den Häuserbau hätte verwenden können.
So lag es nahe, den Raseneisenstein, der sich oft direkt unter der Grasnarbe gebildet hat, abzubauen und diesen als Baustein zu verwenden. Die bereits damals verwendeten gebrannten roten Backsteine waren für den Bau der einfachen Häuser einfach zu teuer. Heutzutage sind die Häuser teils kulturhistorische Baudenkmäler.
Gesteine als Mahnmal
Über die Gleise nach Dreenkrögen und weiter nach Wöbbelin, entdecke ich weitere schmucke Häuser mit der kontrastreichen Fassade. Auf der Hauptstraße durch Wöbbelin passiere ich aber nicht nur schmucke Wohnhäuser, sondern in der Dorfmitte befindet sich auch die Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer des Konzentrationslagers Wöbbelin. Hier fällt die markante historische Raseneisensteinmauer besonders auf.

Die mehrere Dutzend Meter lange Mauer, die zudem denkmalgeschützt ist, ist beeindruckend, aber auch eindringlich und prägend. Denn was hier in der Gegend in der NS-Zeit geschah darf nicht wieder passieren. So ist dieser Ort ein beeindruckender Lern- und Mahnort, den ich nicht so schnell vergesse.
Pause im Hof Denissen
Nach meinem Besuch am Mahnmal Wöbbelin brauche ich eine Pause. Es arbeitet in meinem Kopf. Zudem schaue ich auf die bisher gefahrene Kilometer. Knapp 28 Kilometer habe ich bereits zurückgelegt; das ist über die Hälfte der geplanten Strecke von etwa 43 Kilometern. Jetzt ist es wirklich Zeit für eine Pause.
Zufälligerweise habe ich das Schild vom Hof Denissen gesehen. Ob man da auch einen Kaffee bekommt? Ich fahre voller Hoffnung zum Hof. Ich habe Glück. Nicht nur einen Kaffee bekomme ich dort, sondern auch der Hofladen lädt zum Verweilen und Schmökern ein. Ich mag Hofläden, denn dort findet man die eine oder andere regionale Köstlichkeit oder ein schönes Mitbringsel.
Mit meinem Kaffee setze ich mich draußen auf eine Bank und lasse die bisherige Fahrt im geistigen Auge nochmal Revue passieren.
Der Einsturzsee und die Burg von Neustadt-Glewe
Wie gerne ich doch im Hofladen verweile und den Kaffee genieße, irgendwann habe ich alles im Laden genau betrachtet und die Kaffeetasse ist auch irgendwann mal leer. Die Städtetour geht weiter.
Durch das Dorf Tuckhude umrunde ich anschließend den Neustädter See, den Haussee von Neustadt-Glewe. Geologisch betrachtet ist der Neustädter See ein besonderer See, zählt er doch zu den sogenannten Einsturzseen. Er ist also nicht durch die Ausschürfung ehemaliger eiszeitlicher Gletscher entstanden, sondern weist eine ganz eigene Entstehungsgeschichte auf.
Einst befand sich unterm See ein Salzstock, der aber dank der Schmelzwässer der abtauenden eiszeitlichen Gletscher weggewaschen wurde. Dadurch entstand im Inneren ein Hohlraum, worauf die Decke einstürzte und damit eine Senke entstand. Diese Senke füllte sich mit Wasser und der Neustädter See war geboren.

Statt über den Hauptradweg durch die Stadtmitte zu fahren, fahre ich über das Parkgelände der alten Burg, die auf einem Hügel über Neustadt-Glewe thront. Die Burg ist über 800 Jahre alt und gehört damit zu den ältesten vollständig erhaltenen Wehrburgen Mecklenburgs. Am ersten Juni-Wochenende findet dort immer das Burgfest statt.
Naturraum „Alte Elde”
Über den Ort Groß Laasch fahre ich die letzten Kilometer durch den Naturraum „Alte Elde”. Dieser besteht aus ursprünglichen, nicht begradigten Flussabschnitten. Aber auch Altarme sind noch vorhanden, die man nach dem technischen Ausbau der Müritz-Elde-Wasserstraße erhalten hat.
Die feuchten Niederungs- und Flusslandschaften sind zudem der ideale Ort, wo der „Klump” sich bilden und über Jahrhunderte wachsen konnte. Allerdings stehen heutzutage einige Teilabschnitte der Region unter Naturschutz; zudem ist ein Abbau des Raseneisensteins nicht lohnend. Ich habe bereits auf dieser Fahrt einiges an Raseneisenstein gesehen, daher erfreue ich mich auch an der naturnahen Landschaft mit ihren teils noch mäandrierenden Abschnitten der „Alten Elde”.
Zurück in Ludwigslust
In Ludwigslust angekommen, fahre ich den letzten Stationspunkt der Raseneisenstein-Städtetour an: Stift Bethlehem. Hierbei handelt es sich um eine kirchliche Stiftung, die ein Krankenhaus, mehrere Altenheime und eine Kindertagesstätte betreibt.

Die Mauer, die das Stiftgelände im Süden umringt, ist hierbei mein eigentlicher Stationspunkt. Hier sieht man noch einmal das Mauerwerk mit seinen typischen Raseneisensteinblöcken.
Mir fällt hierbei auf, dass die Mauer doch schon ein wenig in die Jahre gekommen ist. Einige Backsteine haben Risse und der Fugenmörtel hat sich teilweise aus dem Backsteinen als auch um einige Klumpbrocken gelöst. Am Boden finde ich sogar einen bereits herausgelösten Raseneisenstein, der jetzt sein Dasein vor und nicht mehr in der Mauer fristet.
Mit dem Besuch der Mauer des Stifts Bethlehem endet meine Städtetour. Von dort bis zum Bahnhof sind es nur wenige Pedaltritte. Aber meine Raseneisenstein-Reise ist hiermit noch nicht zu Ende; denn es gibt ja noch die Dörfertour …
Streckbrief
Wegbeschaffenheit:
teils Pflastersteine in Ludwigslust, teils befestigte Wege durch Wald, ansonsten hauptsächlich asphaltiert
Einkehrmöglichkeit:
Am Ausgangsort Ludwigslust kann man sich vor oder nach der Radtour stärken, ansonsten in Wöbbelin und Neustadt-Glewe gibt es mehrere Möglichkeiten der Einkehr.
Quellen und lesenswerte Links
Hier findest du Infomaterial zur Raseneisenstein-Städtetour:
Die Links wurden zuletzt am 30.09.2026 überprüft.
Hast du auch bereits die Raseneisenstein-Städtetour absolviert? Welche Entdeckungen fandest du dabei spannend? Kennst du weitere Gegenden mit dem Raseneisenstein?
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