Wandergedanken

Das 9-Euro-Ticket (in Mecklenburg-Vorpommern) – Ein kritischer Blick

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am
31. Mai 2022

„Kritik ist auch eine Art von Interesse.“

© Lothar Hüther (*1965), Schlosser, Konstrukteur, Betriebsrat

Das 9-Euro-Ticket kommt. Am 20. Mai 2022 hatte der Bundesrat die Einführung des Tickets zugestimmt. Damit startet der Nutzungszeitraum am 1. Juni und endet am 31. August.

1. Juni 2022. Das ist morgen.

Natürlich habe ich mir auch ein Ticket (für den Monat Juni) gekauft. Da ich kein Auto besitze und bewusst auch kein Auto fahre, bin ich somit vor allem beruflich auf den ÖPNV angewiesen. Damit ist der Kauf eines 9-Euro-Tickets nur ein logischer Schritt. Seit 2004 nutze ich den ÖPNV, um von A nach B zu kommen. Und jetzt habe ich die Möglichkeit, Fahrtkosten für drei Monate zu sparen. Wer möchte das nicht?

Was aber zuerst wie eine prima Sache klingt, ist nur eine Seite der Medaille. Ich habe nämlich als langjähriger Bus- und vor allem Zugfahrgast zu der Einführung des 9-Euro-Tickets einiges zu kritisieren.

Meine Kritikpunkte

Es handelt sich um meine Kritikpunkte – um es noch einmal zu verdeutlichen – um reine Spekulationen, die auf meinen persönlichen Erfahrungsschatz beruhen und beziehen sich hauptsächlich auf das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, das ich seit über 6 Jahren mit dem ÖPNV bereise. Letztendlich in drei Monaten wissen wir mehr und dann kann ich ein endgültiges Fazit ziehen.

1. Volle Züge und Busse

Laut nt-v.de (Quelle: Mecklenburg-Vorpommern: Run auf 9-Euro-Ticket: 1000 Stück in vier Stunden)  sind allein in Schwerin auf dem Marienplatz innerhalb von vier Stunden über 1000 Tickets verkauft worden. Das ist viel! Und das nur in Schwerin. Aber das zeigt mir, dass allein in der Landeshauptstadt das Interesse an diesen Tickets sehr groß.

Wenn viele Tickets verkauft werden, werden natürlich dadurch auch die Züge voller werden. Machen wir uns da nichts vor. Am nächsten Wochenende steht Pfingsten vor der Tür und wenn das Wetter mitspielt, wird man in Scharen die Ostseeküste, die Insel Rügen, Usedom oder die Mecklenburgische Seenplatte aufsuchen. Kurz gesagt: Mecklenburg-Vorpommern wird richtig voll werden. Und wahrscheinlich nicht nur am Wochenende, denn nicht zu vergessen: die Monate Juni, Juli und August liegen in der Sommerferienzeit

2. Keine Ruhe

Ein Punkt, den ich an dem Land Mecklenburg-Vorpommern so sehr schätze, ist die Ruhe. Vor einigen Jahren wurde das Bundesland mit einer Reihe von amüsanten Werbespots mit dem Slogan „Endlich Ruhe” beworben. Das wird für die nächsten drei Monate das Gegenteil sein. Ich fürchte laute, volle Züge und Busse. Und wo strömen die ganzen Massen hin? Natürlich zu den Touristenhotspots an der Ostseeküste, zu den fünf größten Städten oder an die Mecklenburgische Seenplatte. Die sonst so stark umworbene Ruhe findet man dann dort sicherlich nicht mehr.

3. Besser ohne Fahrrad

Bereits jetzt habe ich an Wochenenden die Erfahrung gemacht, dass bei beliebten Strecken zwischen Ostseebädern oder zu Orten an der Küste die Fahrradabteilung recht voll ist. Ich musste sogar mehrfach am Gleis warten, um den nächsten Zug nehmen zu können, weil keine Fahrräder mehr im Fahrradabteil akzeptiert wurden. Ich fand das sehr ärgerlich. Diese Fälle werden sich nun in den nächsten drei Monaten häufiger auftreten, da ja mehr Personen reisen und dadurch sicherlich auch mehr ihr Fahrrad mitnehmen.

4. Volle Touristenhotspots

Natürlich gibt es einen doppelten Anreiz das 9-Euro-Ticket zu kaufen. Nicht nur ein günstiges ÖPNV-Ticket ist verlockend, sondern auch der Zeitpunkt, in dem dieses Ticket zum Verkauf steht. Juni bis August; das bedeutet Sommerferienzeit. Damit werden dann natürlich noch eher die Orte an der Ostseeküste angesteuert, die eh bei den Sommerurlaubern beliebt sind. Leere Strände, wo man in Ruhe spazieren kann? Erwarte das nicht.

5. Zugfahrt = Corona-Hotspot + Maskenpflicht

Wo viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen, ist die Gefahr einer Ansteckung einer Krankheit höher, als wenn man sich unterm freien Himmel befindet. Volle Zügen bedeuten eine größere Gefahr einer Ansteckung. Die Corona-Pandemie ist nicht vorbei. Solange ich von offizieller Seite nicht höre, dass die Pandemie beendet ist, trage ich weiterhin Maske. Vor allem in geschlossenen Räumen.

Und ja, es herrscht bei der Deutschen Bahn und bei der Ostdeutschen Eisenbahn (kurz ODEG) Maskenpflicht. Und die wird auch kontrolliert.

6. Wo ist das Zugpersonal?

Seit der Corona-Pandemie habe ich bereits einige Male erlebt, wie meine Zugverbindung wegen Personalmangel ausgefallen ist. Richtig: Personalmangel! Das bedeutet, warten auf den nächsten Zug.

Das wird sich während Juni bis August nicht ändern, denn wo soll auf einmal das ganze Personal herkommen, wenn man bereits vor der Einführung des 9-Euro-Tickets mit diesem Mangel zu kämpfen hat?

7. Wo ist mein Waggon?

Mich würde es sehr überraschen, wenn plötzlich mehr Busse und Bahnen in Einsatz sind. Bereits von einigen Seiten wurde kritisiert, wie kurzfristig das 9-Euro-Ticket von der Regierung beschlossen wurde, so das sich die einzelnen Nahverkehrsunternehmen darauf kaum vorbereiten konnten.

Wie beim vorherigen Punkt glaube ich nicht daran, dass man plötzlich die Kapazität so kurzfristig steigern kann, dass man ohne Probleme alle Fahrgäste damit einen Sitzplatz anbieten kann. Und somit wären wir bei Punkt 1.

8. Wo ist meine Bus-/Bahnstation?

Zugegeben, die Infrastruktur ist in MV nur in den großen Städten an bei den Ostseebädern gut. Außerhalb davon wird es (nett ausgedrückt) abenteuerlich.

Nicht jedes Dorf besitzt eine Bushaltestelle und vom Anschluss an das Bahnnetz muss ich hier gar nicht erst reden. Einige Busse fahren nur an Schultagen, oder man muss einen Rufbus (meist 2 Stunden vorher) bestellen. Das bedeutet, dass eigentlich vom 9-Euro-Ticket nur die profitieren, die eh schon gut an den ÖPNV angebunden sind. Die nicht an Bus und Bahn angeschlossen sind, haben das nachsehen.

Was tun?

Mir ist es wichtig zu sagen: Ich möchte dir lieber Leser, das Bus- und Bahnfahren in meinem Bundesland NICHT verbieten. Ich kann es mir ja selbst nicht verbieten bzw. ich kann darauf nicht verzichten. Ich fahre zu 90 % meiner Zeit beruflich mit Bus und Bahn. Vielleicht wirst du denken, wenn Zoe soviel an dem ÖPNV kritisiert, warum fährt sie dann eigentlich kein Auto?

Mein Antwort dazu: Nein, ich werde in dem Zeitraum Juni bis August nicht auf das Auto umsatteln. Seit 2004 bin ich kein Auto mehr gefahren. Würde ich jetzt damit anfangen, wäre ich auf der Straße eine Gefahr für meine Mitmenschen. Will ich mir diesen Stress zumuten? Nein, ich will es nicht. Zumal könnte ich noch mehr Punkte aufzählen, die gegen die Anschaffung eines Autos sprechen, doch das sollte hier nicht Thema sein. Kurz gesagt: Ich werde kein Auto fahren. Punkt.

Die (besseren) Alternativen zum 9-Euro-Ticket

Das 9-Euro-Ticket fühlt sich für mich so an, als wollte die Regierung zwar dem Volk etwas Gutes tun, aber sobald der Aktionszeitraum vorbei ist, wird der ÖPNV wieder so sein wie vorher. Warum denkt man so kurzfristig und nicht langfristig und nachhaltig? Hier zwei Vorschläge, was man statt der Einführung des 9-Euro-Tickets eher machen sollte.

1. Alternative: Macht ÖPNV günstiger!

Die hohen Verkaufszahlen der 9-Euro-Tickets zeigen, dass es zu einem am Preis liegt, dass man bisher eher weniger Bus und Bahn gefahren ist.

Und ich sage als jahrelanger Fahrgast der Bahn: Liebe Deutsche Bundesbahn, du bist für den Nahverkehr als auch für den Fernverkehr zu teuer für viele Bundesbürger einfach zu teuer! Nicht jeder kann sich eine Bahncard 50 2. Klasse leisten; zumal die auch in der Anschaffung zuerst rentieren muss. Zusätzlich finde ich das Preissystem der Deutschen Bahn sehr unübersichtlich. Und von der mangelnden Barrierefreiheit vieler Bahnhöfe braucht man erst gar nicht zu sprechen.

2. Alternative: Macht Infrastruktur besser

Aber nicht nur der Preis ist der Grund, denn allgemein die schlechte Infrastruktur schreckt ab, mal Bus oder Bahn zu nehmen.

Hier in Mecklenburg-Vorpommern ist sie einfach schlecht. Schlechte Bus- und Bahnverbindungen. Züge kommen oft zu spät oder fallen aus, weil das Personal fehlt. Warum? Tja, hier wurde entweder gespart und einfach etwas ignoriert. Gerne hätte ich darauf eine Antwort.

Wenn im ÖPNV nichts richtig rund läuft, warum soll man dafür noch bezahlen? Und noch so teuer? Das  9-Euro-Ticket fühl sich wie ein zeitweiliges Trostpflaster an. Aber sobald die drei Monate wieder um sind, ist die Wunde wieder offen. Und das Problem langfristig noch lange nicht gelöst.

Warum wird das Geld nicht in den Auf- und Ausbau des Nahverkehrs gesteckt? Möchte man nicht Bus und Bahn als wirklich Alternative zum Auto anbieten? Ist die Autolobby (leider) noch immer so stark? Durch den Ausbau wir alle doch mehr und langfristig etwas davon. Das Auto ist für mich als Alternative ausgeschlossen. Aber für viele Bundesbürger ist allerdings der ÖPNV keine Alternative zum Auto.

Aber vielleicht macht es ja nach drei Monaten in der Regierung den „Aha”-Moment und es kommt zu einem Umbruch und es wird dann (endlich!) mehr in die Infrastruktur des ÖPNV investiert. Nicht nur in meinem Bundesland, sondern deutschlandweit.

Wenn die Infrastruktur gut ausgebaut ist, wäre das ein besserer Anreiz sein, den ÖPNV mehr zu nutzen und dann käme Bus und Bahn einer wirklichen Alternative zum Auto näher. Diesen Status hat der ÖPNV aber nicht.

Noch nicht. Aber wer weiß, was die nächsten drei Monate alles bewirken werden. Chaos oder Aufbruch zu neuen (Verkehrsmittel-)Ufern.

Man darf gespannt sein.

Ich bin hoffnungsvoll.


Was denkst du über das 9-Euro-Ticket? Gute Idee oder schlechte Idee? Sind meine Kritikpunkte gerechtfertigt oder übertrieben?

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Zoe
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland

Hallo, ich bin Zoe - eine naturverrückte diplomierte Gestein- und Fossilienliebhaberin, die das Wandern nicht lassen kann. Per Fuß oder per Rad. Hauptsache draußen und Natur entdecken und ja - Steine gehören bei mir einfach dazu. Ich freue mich auf einen regen Austausch, Ideen und Kommentare. Liebe Grüße, Zoe

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