Deutschland

Ein Besuch auf der Halbinsel der Schafe

Von
am
24. Januar 2020

“Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können,
muss man vor allem ein Schaf sein.”
© Albert Einstein (1879 – 1955), theoretischer Physiker und Nobelpreisträger

Wer Schafe mag und einmal nur von ihnen umgeben sein möchte, der muss nicht bis nach Neuseeland reisen. Hier in Deutschland, genauer gesagt in Mecklenburg-Vorpommern, ist es auch möglich.

Im Herbst 2019 habe ich mich das mal ausprobiert. Ein Flyer, der in der Jugendherberge Stralsund auslag, hat meine Neugierde geweckt. Eigentlich wollte ich meine mehrtägige Radtour-Urlaub auf Rügen beginnen, doch warum nicht erst einen Abstecher in eine Gegend machen, die man nicht kennt und die dazu noch quasi um die Ecke liegt.

So fuhr ich erst mal in Richtung Südosten. Rügen muss warten.



Auf zur Insel der Schafe

Von der Jugendherberge aus ging es zuerst durch die Ortschaft Devin. Bis 1982 war es ein eigenständiger Ort, wurde aber dann zu Stralsund eingemeindet und ist nun ein Stadtteil der Hansestadt.

Den Ort und mein Ziel, denn ich selbst als “Halbinsel der Schafe” bezeichne, ist das Naturschutzgebiet Halbinsel Devin. Diese Halbinsel liegt etwa 1 km südöstlich von Stralsund entfernt und ist vom Strelasund, einen Meeresarm der Ostsee, umgeben.



Auf der Fahrt dorthin hat man daher nahezu immer den Strelasund im Blick. Landschaftlich befinde ich mich hier in einer Moränenlandschaft. Geprägt durch die letzte Eiszeit erblicke ich flachwellige Hügel mit geringen Baumbestand. Ein typisches Bild, das man nicht nur hier, sondern überall in Mecklenburg-Vorpommern, vorfindet.

Auch Alleen gehören ebenfalls zum typischen Landschaftsbild in Mecklenburg-Vorpommern. Doch die Allee mit dem Namen “Bungalowsiedlung”, die ich gerade durchfahre, scheint noch nicht so lange in dieser Form zu existieren. Die Bäumen sehen noch recht jung aus, im Vergleich zu der Straße, auf der ich gerade fahre.



Diese besteht aus Betonplatten, teilweise löchrig oder mit Asphalt geflickt. Ehrlich gesagt, es macht kein Vergnügen, hier entlang zu fahren, aber einen alternativen Weg zur Halbinsel Devin gibt es nicht. Ich hoffe nur, das die Reifen meines Rades diese abenteuerliche Fahrt überstehen.

Benjeshecken

Ich hatte Glück. Die Räder hielten diese holprige Fahrt aus und so war ich mehr als froh, den Eingang des Naturschutzgebietes ohne weitere Probleme erreicht zu haben. Es gibt sogar einen Fahrradständer.

Nachdem ich das Fahrrad gesichert habe, packe ich meinen Tagesrucksack und schaue mir dann die zwei großen Informationstafel an, die hier am Eingang aufgestellt wurden. Die erste Tafel ist eine große dunkle Holztafel, die etwas versteckt unter einem Baum steht. Diese Tafel informiert mich über die Gesträuchhecke bzw. die Benjeshecke.



Hermann und Heinrich Benjes, zwei Landschaftsgärtner, hatten die Idee entwickelt, aus lockeren Material wie Äste und Zweige Hecken anzuhäufen. Meist in einer Linie, damit es eine heckenähnliche Form annimmt. Durch Samenflug und durch den Kot von Vögeln können sich diese Art von Hecken selbst aufbauen und müssen nicht neu gepflanzt werden.

Diese Hecken dienen dann als Schutz und Nahrung von Vögeln, Kleinsäugern und jegliche Art von Tieren, die die Hecke als Lebensraum bevorzugen.

Die Halbinsel Devin

Die zweite Holztafel ist mit einem Poster versehen, das über das Naturschutzgebiet “Halbinsel Devin” informiert. Seit dem 15. Juli 1993 ist das etwa 106 Hektar große Gebiet als Naturschutzgebiete ausgewiesen. Ziel dieser Maßnahme ist eine waldfreie Moränenlandschaft mit dazugehörigen Mooren, Kleingewässers und Magerrasen, die durch steile Küstenabschnitte unterbrochen sind, zu erhalten.

Neben der Tier- und Pflanzenwelt, erfährt man auch etwas über die Nutzungsgeschichte dieser Insel. Da der Boden ertragsarm ist, wurde hier hauptsächlich Weidewirtschaft betrieben. Auch gab es einst eine Ziegelei, die den hier anstehenden Ton abbaute. Zudem nutzte die Wehrmacht und die kasernierte Polizei die Halbinsel als Übungsplatz.

Seit 1992 wird die Beweidung der Insel durch Schafe durchgenommen und nachdem die Polizei die Insel nicht mehr als Übungsplatz nutze, hat sich Devin zu einem beliebten Naherholungsgebiet für die (Stralsunder) Bevölkerung entwickelt.

Schafe, Schafe, Schafe

Es gibt zwei Eingänge in das Naturschutzgebiet: Einen Nord- und einen Osteingang. Das Gebiet selbst ist mit einem einfachen Drahtzaun vom Parkplatz getrennt. Ich möchte die Insel im Uhrzeigersinn umrunden, daher nehme ich den Nordeingang.



Kaum schließe ich das kleine Eingangstor, das mich nochmals darauf hinweist, nur die gekennzeichneten Wege zu nutzen, werde ich mit einem “Määääh, Määääh!!!” begrüßt.

Schafe. Überall Schafe.



Und ich muss sagen, die sind alle total süß. Doch warum gibt es hier Schafe? Würden die nicht neben dem Gras auch seltene Pflanzen, die hier wachsen wegfressen?

Diese Frage ist sicherlich berechtigt und ja, Schafe fressen sicherlich auch Pflanzenteile eines seltenen Knabenkrautes, das hier wächst, ab. Aber der Gewinn durch die Schafe für das Naturschutzgebiet ist weitaus größer. Verhindern doch diese Tiere die Verbuschung der Insel. Wiesen werden nicht durch Büsche oder Bäume überschattet. So können seltene, Sonnenliebende Pflanzen wachsen.

Am Strand

Durch die Wiesen auf einen kleinen Trampelpfad geht es zur Nordküste der Insel. Hier herrscht ein krasser Übergang von Wiese zum Sandstrand. Auch ein Schaf treffe ich hier an, das aber bei meinem Anblick sofort die Flucht ergreift.



Auffällig ist hier die Grenze zwischen Wiese und Strand: ein dunkler violetter Streifen. Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass der Streifen aus winzig kleinen Gesteinskörner besteht.

Es sind Schwerminerale, die sich hier angesammelt haben. Der Geologe spricht hier auch von sogenannten “Seifen”.



Diese “Seifen” bestehen meist aus Mineralien wie z.B. dunklem Magnetit und Granaten, die den violetten Ton der “Seife” geben.

Hält man einen Magneten an der “Seife”, bleiben die Magnetit-Körner (Name!) am Magneten hängen.

Das Nordkliff

Am Strand in Richtung Osten erhebt sich schon die Nordklippe der Halbinsel. Ein Teil der Wand scheint frisch abgebrochen zu sein. Klettern auf der schräg liegenden Kliffwand rate ich ab und man sollte auch immer einen gewissen Abstand zur Kliffwand beibehalten, denn es kann jederzeit zu Abbrüchen kommen.



Doch man kann, trotz des Abstandes zur Kliffwand, die Gesteinskomponenten gut erkennen. Auffällig ist hier einen Art dünnschichtige, wellenartige Struktur. Es wurde hier einst also verschiedene Arten von Material nacheinander abgelagert, die diese sichtbaren Schichten bildeten.

Die wellenartige Struktur ist eine besondere Form der Ablagerung. Wahrscheinlich durch Störungen während des Ablagerungsprozesses verursacht worden.



Die Landschaft

Ich kehre um und betrete wieder die Wiese mit den vielen Schafen. Ich folge den kleinen Trampelpfad, der mich durch die Wiesen der Insel lotst. Es geht auf die Anhöhe mit dem Namen “Bakenberg”. Eine Erhebung, die gerade mal 19 m ü. NHN liegt. Die höchste Erhebung der Insel ist der Schalksberg mit 23 m ü. NHN.

Eine Bank beim Bakenberg lädt zum Verweilen ein. Hier kann man auf den Strelasund und auf einen Abschnitt der Insel Rügen blicken. In der Ferne ist der Hafen von Strelasund noch zu erkennen.



Nur kurz verweile ich hier. Schließlich will ich ja die Insel noch fertig umrunden. So geht es von der Anhöhe wieder etwas bergab und weiter durch die Wiesen.

Hier findet man auch Trocken- und Magerrasengemeinschaften vor, die für sie typischen Pflanzen und Tiere beinhalten. Und natürlich gehören die Schafe als Landschaftspfleger dazu.



Den ehemaligen Gletschern und ihren Einfluss auf die Landschaft ist es zu verdanken, dass es hier leicht bergauf und bergab geht, aber das stört mich nicht. Nahezu an jeder Ecke scheint sich die Landschaft etwas zu verändern.

So komme ich auch an einer Baumgruppe vorbei, wo unter den Baumkronen gemütlich ein paar Schafe grasen. Bis auf etwa 10 Meter komme ich an die Tiere heran. Neugierig, aber auch vorsichtig schauen sie mich an.



Einer der Bäume hat auffällig kleine rote Früchte. Es ist ein Weißdorn (Gattung Crataegus), einer der typischen Baum- und Strauchgewächse hier auf der Insel.

Weißdorne gehören zu den Kernobstgewächsen. Sie sind also mit Äpfel und Birnen verwandt und daher auch roh essbar. Ihre Früchte – auch als Apfelfrüchtchen bezeichnet – sind mehlig und haben einen säuerlich-süßlichen Geschmack.

Der Sandhaken

Es geht weiter in Richtung Osten. Hier finde ich zum ersten Mal eine Absperrung mit einem Hinweisschild vor, die auf ein Brut- und Rastgebiet von Seevögeln hinweist. Hinter den Hügeln liegt der Deviner Haken, einen Sandstreifen, der durch zur Küste parallele Strömungen mit Sedimenteintrag entstanden ist.



Weitere Absperrungen verlaufen fast parallel zum Trampelpfad. Ich gehe in Richtung Osten um zum Strand zu gelangen. Auch hier ist eine Absperrung, die einem davon abhält, den Deviner Haken zu betreten. Immerhin erlaubt es der recht niedrige Zaun auf diesen Sandstreifen zu blicken.

Viele Komorane (Phalacrocorax carbo) haben sich auf den Haken niedergelassen. Sie scheinen dort eine Rast zu machen. Dahinter sieht man Halbinsel Drigge mit der gleichnamigen Ferienanlage. Von hier sind es weniger als 2 km Luftlinie, die Rügen von Devin entfernt ist. Dennoch ohne Boot oder Schiff ist es für mich eine unüberwindbare Strecke.



Der Südosten

Ich bin wieder zurück auf dem Trampelpfad. Wie auch im Norden geht es hier leicht bergauf und bergab. Auch hier treffe ich einige Schafe an. Jedoch scheinen es hier deutlich weniger zu sein als im Norden und Nordwesten.

Auffällig ist auch eine hier zunehmende Verbuschung. Mehrere große Ginster-Sträucher (Gattung Genista) wachsen hier.



Ginster haben kleine gelbe Blüten; jetzt im Spätherbst ist die Blütezeit aber bereits vorbei.

Interessant beim Ginster ist es, dass diese Pflanzengattung in Symbiose mit Knöllchenbakterien (Familie Rhizobiaceae) eingeht. Durch diese Symbiose kann Ginster Stickstoff erhalten. So bekommt der Ginster die Möglichkeit auch auf stickstoffarmen Böden zu wachsen und übernimmt somit die Rolle einer Pionierpflanze.

Wissenschaft und Historie im Süden

Im Süden flacht die Insel zur Küste ab und so verläuft der Hauptweg um die Insel relativ nah zum Wassern. Auf dem Weg auf einer Anhöhe entdecke ich eine kleine Wetterstation, die man aber nicht betreten kann. Ein Metallzaun schützt die Station vor unbefugten Eintreten.



An der Küste entlang führt mich der Weg zu einem kleinen Waldabschnitt. Hinter einer großen Kastanie (und einem Schaf) finde ich die Reste einer ehemaligen Ziegelei aus dem 19. Jahrhundert vor. Bis zum 1. Weltkrieg gab es noch eine aktive Ziegel-Produktion.



Auch wenn die Ziegelei heute dem Verfall ausgesetzt ist, hat sie noch einen aktiven Nutzen. Ein Einflugloch über eine kleine quadratische Metalltür zeigt, dass Fledermäuse hier ein Zuhause haben.

Fledermäuse stehen in Deutschland unter Schutz und daher ist es wichtig für den immer knapper werdenden natürlichen Lebensraum Alternativen anzubieten.



Nochmal Südküste und Ausgang

Aus dem Wald hinaus, fällt mir sofort das etwas seltsame Wachstum einiger Bäume auf. So komme ich an einem scheinbar toten Stamm vorbei, worauf neue Bäume wachsen zu scheinen. Diese Art von Wachstum habe ich beim Bäumen bisher noch nicht bewusst beobachtet.



Es sind Weiden (Gattung Salix), die oft in Wassernähe zu finden sind. Auch als Parkbäume findet man diese Pflanzengattung recht häufig.

Weiden sind dafür bekannt oft seltsame Wuchsformen anzunehmen. Und unweit der ersten Beobachtung komme ich an einer Gruppe von Weiden vorbei, deren Stämme “Gucklöcher” aufweisen.



Abschluss

Auf der letzten Anhöhe sehe ich bereits den Parkplatz und auch mein Fahrrad steht (zum Glück) noch da. Die Halbinsel ist jetzt einmal umrundet worden.

Erst jetzt kommen mir zum ersten Mal einige Spaziergänger entgegen. Das stört mich nicht, aber es stört mich, dass sie einen nicht angeleinten Hund dabei haben.



Habe ich nicht da am Eingang etwas gelesen, das Hunde angeleint sein sollten?

Ja – und ein Foto beweist es sogar.

In einem Naturschutzgebiet hat man IMMER die Hunde anzuleinen. Unabhängig davon, ob sich auch hier Weidetiere wie Schafe oder Rinder befinden oder nicht. Dann sollte man erst recht den Hund anleinen. IMMER!

Mit etwas Wut im Bauch verlasse ich das Gelände, aber das Radfahren wird mich schon wieder beruhigen. Denn letztendlich lohnt sich der Ärger nicht und zudem möchte ich dadurch nicht meinem ganzen Fahrradurlaub auf Rügen versauen lassen.

Jetzt erst recht nicht!

Also – auf nach Rügen!!!



Fazit

So viele Schafe an einem Ort. Ich glaube, das findet man in Mecklenburg-Vorpommern nur auf der Halbinsel Devin. Jedenfalls war es interessant, überall auf der Insel von einem “Mäh!” begleitet zu werden.

Die Halbinsel Devin eignet sich gut für einen Strand- oder Inselspaziergang. Vor allem im Herbst und Winter findet man nur selten andere Personen vor. Jedoch wird man nicht so viele Tiere und vor allem die Pflanzen beobachten können, die diese Halbinsel zu einem besonderen Naturschutzgebiet macht. Dafür sollte man den Ort besser im Frühjahr oder im Sommer aufsuchen.

Schade ist es auch, das es keine direkte Anbindung mit dem öffentlichen Nahverkehr gibt. Hier kommt man nur entweder mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem Auto die Halbinsel erreichen.

Auch das einige Besucher die Regeln des Naturschutzes ignorieren, finde ich nicht gut; es scheint aber – laut eigener Recherche – ein bereits bekanntes Problem zu sein.

Wer einen Spaziergang in Wassernähe mag und sich an Schafen nicht stört, sollte der Halbinsel Devin einen Besuch abstatten.


Steckbrief: Rundgang um die Halbinsel Devin

Karte

Hinweis: die Anfahrt wurde mit dem Rad absolviert, innerhalb des Naturschutzgebietes “Halbinsel Devin” wurde sich nur zu Fuß fortbewegt; das Fahren jeglicher Art von Fahrzeugen auf der Halbinsel ist verboten

Anreise mit öffentlichen Verkehrsmitteln

Anreise ist nur per Rad, Auto oder zu Fuß möglich, da keine Bus- oder Bahnstation in der Nähe ist

Einkehrmöglichkeit

Auf der Halbinsel gibt es keine Einkehrmöglichkeit, daher Essen und Trinken mitnehmen

Wegbeschaffung

Weg zur Halbinsel mit teilweise maroden Betonplatten, auf der Insel nur schmale Feldwege und Trampelpfade.


Quellen und lesenswerte Links

Du willst mehr über die Halbinsel der Schafe erfahren? Dann klicke auf die folgenden Links:


Warst du schon einmal auf der Halbinsel Devin? Oder kennst du andere “Schaf”-Gegenden zum Wandern?

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Zoe
Mecklenburg-Vorpommern, Deutschland

Hallo, ich bin Zoe - eine naturverrückte diplomierte Gestein- und Fossilienliebhaberin, die das Wandern nicht lassen kann. Per Fuß oder per Rad, hauptsache draußen und Natur entdecken - und ja Steine gehören bei mir einfach dazu. Ich freue mich auf einen regen Austausch, Ideen und Kommentare. Liebe Grüße - Zoe

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